Aktuelle Gedanken
» mehr TriKat®-News


Die Philosophie hat alles, um im besten Fall nichts mit ihr zu tun zu haben: Sie ist theoretisch, nicht praktisch; sie ist lebensfern, nicht lebensnah und die Beschäftigung mit ihr ist überaus schwierig. Mit der Leichtigkeit des Seins hat sie nichts zu tun. Um es im Stil des französischen Philosophen und Seismografen des Verfalls, Emil M. Cioran, zu sagen: Das Pendel des Lebens schlägt nur in zwei Richtungen aus, in die der heilsamen Illusion oder der unerträglichen Wahrheit. Letztere ist ihr Geschäft. Welt und Mensch am Seziertisch des Denkens. Unter dem Philosophenhammer bleibt nichts heil. Vielleicht aber ist sie gerade deshalb so anziehend, so schillernd, so faszinierend, so tief; lässt sie einen nicht mehr los.


In der Tat: Die Vorstellungen darüber, was Philosophie ist, was sie zu leisten hat und was man von ihr erwarten darf, gehen bisweilen weit auseinander. Nicht selten kommt es vor, dass ganz und gar Hanebüchenes gemeint ist. Ich möchte Ihnen daher ein Verständnis von Philosophie näher bringen, das ich teile, und das mir gleichsam dazu dient, mich von anderen Auffassungen zu distanzieren.

Philosophie ist theoretisch: der Versuch die Welt denkend zu verstehen.
Wie hat es Arthur Schopenhauer einst so treffend formuliert: „Das Ganze der Welt abstrakt, allgemein und deutlich in Begriffen zu wiederholen und so als reflektiertes Abbild der Vernunft niederzulegen: Dieses und nichts anderes ist Philosophie.“ Das Abbild, von dem hier die Rede ist, ist Theorie. Eine logisch organisierte, mithin nach Grund und Folge geordnete, rationale Weltanschauung. Ein widerspruchsfreies System von Aussagesätzen, das uns darüber Auskunft gibt, was in ganz allgemeiner Hinsicht der Fall ist und was nicht. Man darf sich nicht täuschen lassen: Selbst die praktische Philosophie, zu der man beispielsweise Ethik, Ästhetik und Sozialphilosophie zählt – im Unterschied zur theoretischen, der man Logik, Erkenntnistheorie und Metaphysik subsumiert –, ist theoretisch. Auch hier geht es nicht um ein aktives Eingreifen, nicht um das Sammeln von Erfahrungen, nicht um Empirie, nicht um ein Tun in bestimmter Hinsicht, sondern ausnahmslos um den Versuch, die Welt denkend zu verstehen. Ein Umstand, der womöglich Karl Marx zu seinem berühmten Ausspruch veranlasst hat: „Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern.“ Man muss ihm zumindest in diesem Punkt recht geben: Die Veränderung der Welt ist nicht das Geschäft der Philosophen. Vernünftigerweise! Denn Theorie und Praxis sind ganz verschiedene Formen der Auseinandersetzung mit Welt und Mensch. Sie haben streng genommen nichts gemeinsam. Es fehlt nämlich ein logisch einwandfreier Übergang vom einen zum anderen. Und noch aus einem zweiten Grund hat der Philosoph im Reich des Praktikers nichts zu suchen: Während es im Handeln über weite Strecken um die Lösung anstehender Probleme geht, mögen es triviale oder schwierige sein, geht es in der Philosophie darum, sie überhaupt erst in ihrer Tiefe und Problemhaftigkeit zu durchmessen. Fortschritt in der Philosophie, so lautet dann auch der Befund Ansgar Beckermanns, einer der führenden Vertreter der Philosophie des Geistes, bedeutet im allgemeinen nicht die Lösung, sondern die Klärung von Problemen.

Philosophie ist Universalwissenschaft.
Sie ist die Wissenschaft von den allgemeinsten Wahrheiten. Ihr Thema ist das Selbstverständliche und darum Unverstandene. Sie ist die Explikation des implizit Vorausgesetzten sowie dessen Prüfung und Systematisierung. Sie steht nicht in einer Reihe mit den Spezialwissenschaften, sondern führt stets darüber hinaus. Das Gemeinte lässt sich am besten mit den Worten Moritz Schlicks verdeutlichen, dem Begründer des berühmten Wiener Kreises: Wenn in einer Spezialwissenschaft irgendeine Erkenntnis gewonnen wurde, „und wenn nun der forschende Geist noch weiter fragt nach den Gründen dieser Gründe, also nach den allgemeineren Wahrheiten, aus denen jene Erkenntnis abgeleitet werden kann, so gelangt er bald an einen Punkt, wo er mit den Mitteln seiner Einzelwissenschaft nicht mehr weiter kommt, sondern von einer allgemeineren umfassenderen Disziplin Aufklärung erhoffen muß. Es bilden nämlich die Wissenschaften gleichsam ein ineinander geschachteltes System, in welchem die allgemeinere immer die speziellere umschließt und begründet. So behandelt die Chemie nur einen begrenzten Teil der Naturerscheinungen, die Physik aber umfaßt sie alle; an sie also muß sich der Chemiker wenden, wenn er seine fundamentalsten Gesetzmäßigkeiten, etwa die des periodischen Systems der Elemente, der Valenz usw. zu begründen unternimmt. Und das letzte, allgemeinste Gebiet, in welches alle immer weiter vordringenden Erklärungsprozesse schließlich münden müssen, ist das Reich der Philosophie […]. Denn die letzten Grundbegriffe der allgemeinsten Wissenschaften – man denke etwa an den Begriff des Bewusstseins in der Psychologie, an den des Axioms und der Zahl in der Mathematik, an Raum und Zeit in der Physik – gestatten zuletzt nur noch eine philosophische […] Aufklärung.“ Die Philosophie ist also auch diejenige Disziplin, die einen Erkenntnisabschluss zu gewinnen sucht. Indem alle, immer fortschreitende Erklärungsprozesse auf ein letztgültiges Erkenntnisfundament zurückgeführt werden, kommt jeder Regress aus Wahrheit und Begründung zu einem Ende. Der Verdacht, dass es sich hierbei lediglich um ein Ideal handeln könnte, dass ein Erkenntnisabschluss, eine Theorie von allem überhaupt, mit den Mitteln der menschlichen Vernunft realiter gar nicht herzustellen ist, liegt auf der Hand. Doch die Philosophie kann und darf nicht aufhören danach zu streben. Aus diesem Streben nämlich ist sie geboren.

Philosophie ist Logik, Erkenntnistheorie, Metaphysik und Ethik.
Obwohl sich die moderne Philosophie in eine Vielzahl von Teildisziplinen aufspaltet, sind es in letzter Konsequenz die Kerndisziplinen, die alles philosophische Denken fundieren und die sich von alters her auskristallisiert haben: Logik, Erkenntnistheorie, Metaphysik und Ethik.