Gedankensplitter — fragmentarische Aufzeichnungen. Es sind Standpunkte, Kommentare, Überlegungen und Erlebnisse, die hier zutage treten. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit, ist diese Seite auch auch in einer Reader-Version verfügbar. Den entsprechenden Button sollten Sie in Ihrer Browserleiste finden.

20.06.2017: Sommerakademie der Academia Philosophia

Soeben bin ich von der Sommerakademie der Academia Philosophia heimgekehrt, die zum zweiten Mal in Castelfranco di Sopra, Italien, stattgefunden hat. Eine fantastische, genussreiche und philosophisch äußerst lehrreiche Woche. Uns im Müßiggang übend vergegenwärtigten wir uns das philosophische Vermächtnis von Gottfried Wilhelm Leibniz und Theodor Wiesengrund Adorno. Zwei Denker aus ganz unterschiedlichen Zeiten und einem philosophischen Programm, das die Spannweite philosophischer Weltdeutung auf eine Weise offenbarte, wie es dramatischer hätte nicht sein können. Auf der einen Seite Leibniz, der mit seiner radikalen Überhöhung der Vernunft und der Annahme einer Isomorphie zwischen göttlichem und menschlichem Denken das Projekt einer vollständigen Erkenntnis der Welt vorantrieb; auf der anderen Seite Adorno, dessen umfassende Gesellschaftskritik mit einer scharfen Vernunftkritik anhob, die dem Denken faschistoide Züge zuschrieb und der Vernunft eine Mitschuld am Wahnsinn der Nazidiktatur attestierte.

09.05.2017: Die Denkgebiete der Philosophie / Teil 3

Denkgebiete der Philosophie, Teil 3: Erkenntnistheorie

Die Erkenntnistheorie als philosophische Disziplin ist eine systematische Untersuchung aller möglichen Erkenntnisarten, verbunden mit der Frage, welche der möglichen Erkenntnisarten uns in die Lage versetzt gesichertes Wissen über die Welt, und uns selbst als einem Teil davon, zu erlangen. Dabei geht es um alltägliche und wissenschaftliche Erkenntnis, um Erkenntnis einzelner Tatsachen und allgemeiner Gesetze, um Erkenntnis durch Erfahrung und durch Vernunft, um Erkenntnis der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ebenso, wie um moralische, religiöse oder philosophische Erkenntnis. Darüber hinaus gilt es freilich zu klären, was Wissen überhaupt ist; also wovon genau die Rede ist, wenn wir behaupten, dass wir dieses oder jenes wissen. Im Alltag, aber auch in den meisten Wissenschaften, setzen wir ein intuitives Verständnis des Wissensbegriffs voraus, und wir tun dabei so, als würde dieser Begriff keinerlei Schwierigkeiten machen. Doch bei kritischer Betrachtung zeigt sich: Obschon sich unsere Gesellschaft als Wissensgesellschaft bezeichnet und Wissen zu einem ökonomisch wertvollen Gut geworden ist – um die Rechtfertigung unserer Wissensansprüche ist es aus philosophischer Sicht nicht allzu gut bestellt.

15.04.2017: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Ganz abgesehen vom Seitenhieb auf die Philosophinnen und Philosophen: Selbst in der Philosophie wird sich die Kenntnis der deutschen Sprache in Bälde als obsolet erweisen. Vielerorts wird sie nämlich sukzessive, und ohne viel Aufhebens, durch die englische ersetzt. Die Gründe finden sich im Wahnsinn der Industrialisierung und der rücksichtslosen Ökonomisierung der Wissenschaften. Universitäten stehen im gnadenlosen Wettbewerb um die »besten Köpfe« und die größten Budgets und buhlen hemmungslos um die Gunst großer, internationaler Konzerne. Wer in diesem Industriezweig die erste Geige spielen will – was dem Anschein nach alle wollen – der muss international aufgestellt sein; der muss aber vor allem markttauglich sein und am Markt spricht man – warum auch immer – Englisch. Doch die schleichende Abschaffung der deutschen Sprache an deutschsprachigen Philosophieinstituten ist hinterhältiger Mord: Sie tötet nämlich die deutschsprachige Philosophie.

Man begeht einen schweren Fehler, wenn man glaubt, es wäre einerlei, ob in deutscher, englischer oder sonst irgendeiner Sprache geschrieben wird. Denken und Sprache bilden nämlich weithin eine Einheit. Eine Sprache ist niemals nur ein Instrument zur Artikulation von Gedanken, sondern Denken vollzieht sich unhintergehbar in einer Sprache. Und in keiner anderen Sprache kennen wir uns so gut aus, wie in der eigenen. In ihr organisieren wir nicht nur die Außenwelt, die uns gegenübersteht, sondern auch unsere Innenwelt. In ihr liegt nicht nur der Entwurf unserer Charaktere, sondern auch das Vermögen, uns im Leben zu orientieren. Von Kindesbeinen an beziehen wir auf diese Weise Stellung, nehmen Bezug auf Welt und Mensch. Ausnahmen mögen vielleicht jene sein, die zwei- oder mehrsprachig aufwachsen, doch selbst unter diesen scheint es Präferenzen zu geben: eine Bevorzugung der einen gegenüber einer anderen Sprache. Philosophie und philosophische Weltdeutung, mithin der Versuch die Welt denkend zu verstehen, sind radikal an Sprache gebunden. Wer die deutsche Sprache als Philosophensprache eliminiert, der eliminiert daher nicht nur ein beliebig austauschbares Instrument der Artikulation, sondern die Einzigartigkeit eines Denkens, eines bestimmten, eng umrissenen philosophischen Blicks auf Welt und Mensch, den es nur in dieser Sprache gibt. Denn in jeder anderen Sprache ist das Denken qua Sprache ein anderes, der Blick von diesem Blick verschieden. Obschon Ludwig Wittgenstein in seiner logisch-philosophischen Abhandlung etwas anderes meinte, erlaube ich mir dennoch, die Bedeutung seiner Worte auszuleihen, um das gesagte zuzuspitzen: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner philosophischen Welt. Und diese Grenzen sind unaufhebbar. Die Philosophie der einen Sprache ist notwendig verschieden von der Philosophie der anderen. Sie lässt sich darin nicht wiederholen.

Einem weiteren Irrtum unterliegt, wer glaubt, man könnte Sprachen ohne Weiteres in andere Sprachen überführen. Das mag dort der Fall sein, wo es lediglich darum geht, einen groben Bedeutungszusammenhang zu vermitteln. Doch im Fall feingliedriger, hochabstrakter philosophischer Denkgebäude, die von jedem einzelnen Ausdruck und zugleich von ihrer Gesamtheit getragen werden, und wo selbst das vermeintlich Unbedeutende eine tragende Rolle spielt, ist das unmöglich. Übersetzungsakte verändern das Gebäude irreversibel, selbst dann, wenn der Übersetzter das zu Übersetzende selbst hervorgebracht hat. Wie hat es der große österreichische Schriftsteller Thomas Bernhard ausgedrückt: Ein übersetztes Buch ist wie eine Leiche, die bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden ist.

Es gibt keinen Ausweg: Wer der deutschen Philosophie die Sprache nimmt, bringt sie um. Das mag für den Fortgang der Wissenschaften belanglos sein. Man muss sich aber in aller Deutlichkeit vor Augen führen, dass dieser besondere Blick, der unumgänglich an diese Sprache gebunden ist, verloren geht.

Autor: Bernd Waß
Bild: Die Zeit, Nr. 13/2017
Diskussionsbeiträge bitte an: b.wass@academia philosophia.com

25.03.2017: Die Denkgebiete der Philosophie / Teil 2

Denkgebiete der Philosophie, Teil 2: Logik

„Uns allen ist geläufig, dass man gehen, sprechen, essen und Fußball spielen lernen muss, warum also ausgerechnet das Denken nicht?“ (Franz Von Kutschera) Es besteht kein Zweifel: wir alle Denken, zumindest zeitweise. Doch die Tatsache, dass wir das tun, sagt freilich noch nichts darüber aus, dass wir es auch richtig tun. Das richtige Denken ist eine ganz andere Angelegenheit als das herkömmliche. Wer am richtigen Denken interessiert ist, der ist in der Logik gut aufgehoben. Die Logik ist nämlich, vereinfacht gesagt, die Lehre vom folgerichtigen Denken. Ihr Gegenstandsbereich ist aber, entgegen vielleicht der ersten Vermutung, nicht das Denken als solches, sondern die Sprache. Die Sprache ist nämlich nicht nur ein Mittel zum Ausdruck oder zur Mitteilung von Denkinhalten, sondern Denken und Sprache bilden weithin eine Einheit. Das hat besonders Wilhelm von Humboldt nachdrücklich betont. Bestimmte Denkfiguren und bestimmte sprachliche Gebilde lassen sich daher identifizieren. Ein wesentlicher Bestandteil sprachlicher Gebilde sind Sätze. Sätze wiederum haben bestimmte Merkmale, weisen bestimmte »Bauteile« auf und stehen in bestimmten Beziehungen zueinander. Die Untersuchung dieser Merkmale, »Bauteile« und Beziehungen, ist die eine Aufgabe der Logik. Die andere Aufgabe ist es, Werkzeuge bereitzustellen, die es erlauben unsere Denkakte auf ihre Güte hin zu überprüfen und logische gültige von logisch ungültigen Schlüssen zu unterscheiden.

19.03.2017: Programm der Academia Philosophia

Vor über fünf Jahren habe ich gemeinsam mit meinem Freund und Kollegen Heinz Palasser, die Academia Philosophia gegründet. Als private Akademie für Philosophie und philosophische Weltdeutung verstehen wir uns als Bindeglied zwischen den Elfenbeintürmen der akademischen Philosophie einerseits und einer breiteren Hörerschaft andererseits. Es wäre schade, so dachten wir uns, wenn die Faszination philosophischer Weltdeutung nur jenem kleinen Kreis von Menschen vorbehalten bliebe, der sich von Berufswegen mit der Philosophie beschäftigt.

In unserem philosophischen Programm 2017/2018 haben wir erneut Themen aufgegriffen, die uns schon lange interessieren, bisher aber noch einer Betrachtung harrten. Etwa der ›Philosophische Feminismus‹, die ›Logik der Welt‹, das Problem der ›Personalen Identität‹, der berühmte ›Wiener Kreis‹ oder die ›Philosophie des Alters‹.

27.02.2017: Kolloquium ›Realismus und Idealismus‹

Gemeinsam mit meinem Freund und Kollegen, dem Philosophen Heinz Palasser, ging am vergangenen Wochenende das Auftakt-Kolloquium 2017 der Academia Philosophia über die Bühne. Was ist die Welt und wie ist sie uns gegeben? Dieser Frage sind wir nachgegangen und mussten die Alltagsauffassung so wie die Auffassung der Einzelwissenschaften in aller Schärfe überwinden, um zu konsistenten Antworten zu gelangen. Im Alltag und in den meisten Einzelwissenschaften gibt es nämlich kein Problem. Die Wahrnehmungswirklichkeit ist eine objektive, mithin von uns und unserem Wahrnehmen unabhängige, Realität. Sie ist uns immer schon das Ganze des Wirklichen. Doch diese auf einem naiven Realismus gründende Auffassung ist unhaltbar. Das Wahrnehmungsgegebene ist nicht das objektive Reale. Daraus ergibt sich ein gewaltiges philosophisches Problem: Man muss sich entweder auf den Standpunkt eines Idealismus stellen oder den Versuch unternehmen einen Realismus zu begründen, der nicht auf Erkenntnis durch die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung angewiesen ist. Im ersten Fall heißt dies, die Welt vollständig als ein Bewusstseinsgebilde zu deuten, im zweiten Fall einsichtig zu machen, wie sich das objektiv Reale auf metaphysischem Boden gründen lässt.

Wer in philosophischen Angelegenheiten unterwegs ist, der bewegt sich stets auf schwankendem Grund und zumeist in schwindelerregenden Höhen der Abstraktion. Im Kolloquium ›Realismus und Idealismus‹ haben wir es aber ohne Zweifel auf die Spitze getrieben. Herrlich!

22.02.2017: Studenten

Ein kleiner Seitenhieb.

20.02.2017: Die Denkgebiete der Philosophie / Teil 1

Die Denkgebiete der Philosophie, Teil 1: Geschichte der Philosophie

Warum sollte man sich überhaupt mit der Geschichte der Philosophie auseinandersetzen, könnte man Fragen, sind doch nicht wenige der Auffassung, dass die Ergebnisse des Nachdenkens vergangener Zeiten, ob des wissenschaftlichen Fortschritts zum größten Teil überholt, antiquiert oder schlichtweg falsch sind. Eine durchaus berechtigte Frage. Ich würde sagen: Das wertvolle Moment, dass der Beschäftigung mit der Geschichte im Allgemeinen und mit der Philosophiegeschichte im Besonderen innewohnt, liegt in ihrer Erklärungskraft. Der Staus quo des philosophischen Denkens wird über weite Strecken nur dann verständlich, wenn man sich die Genese dieses Denkens vor Augen führt. Insofern halte ich die Beschäftigung mit der Geschichte der Philosophie für eine in der Tat lohnende Angelegenheit. Doch womit haben wir es eigentlich zu tun? Die Philosophiegeschichte, wie sie uns heute in zahlreichen Werken vorliegt, ist die Gesamtheit der philosophischen Deutungs- und Erklärungsversuche von Mensch und Welt. Von jeher ist sich der Mensch selbst ein Rätsel und seine Stellung im Weltganzen ist ihm unklar. Aus dieser Rätselhaftigkeit und Unklarheit resultieren dann auch die großen Fragen, die wir uns immer wieder von Neuem vorzulegen haben: Wer sind wir? Woher kommen wir? Was ist unsere Rolle im Universum, Welchen Sinn können wir unserem Leben geben? Was ist der Sinn von Geschichte und Welt? usw. usf. Zu unterschiedlichen Zeiten wurden von den Philosophinnen und Philosophen unterschiedliche Antworten gegeben. Die Zusammenschau dieser Antworten heißt Geschichte der Philosophie.

06.02.2017: Emil M. Cioran

E. M. Cioran

“Man kann nicht nachdenken und bescheiden sein. Sobald der Geist sich in Bewegung setzt, nimmt er den Platz Gottes und alles sonstigen ein. Er ist Indiskretion, Übergriff, Profanierung. Er arbeitet nicht, er zersetzt. Die Spannung, die sein Vorgehen verrät, beweist Brutalität und Unerbittlichkeit. Ohne eine kräftige Dosis Grausamkeit könnte man keinen einzigen Gedanken zu Ende führen.” (E. M. Cioran: Vom Nachteil geboren zu sein, Suhrkamp, 2015)

14.12.2016: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Philosophische Gedanken zum späten Jahr
Inspiriert von Blaise Pascal, Gottfried Wilhelm Leibniz und Friedrich Nietzsche

Früh brechen die Nächte an in dieser Zeit. Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Ob zum letzten Mal? Wer weiß das schon. Und inmitten des Getriebes, des Wahnsinns der Besinnlichkeit, halten wir Ausschau. Stille. Ein Riss zwischen Tageslicht und Dunkel. Da hört man sie schreien: Geschäfte schreien, wir retten dich; Karrieren schreien, wir retten dich; Politiker schreien, wir retten dich; Religionen schreien, wir retten dich; Wissenschaften schreien, wir retten dich; Familien schreien, wir retten dich; Freunde schreien, wir retten dich. Die ganze Welt Geschrei.

Fensterlos möchte man sein; für einen Augenblick abgeschnitten von aller Erfahrung. Nichts mehr hören, nichts mehr sehen, nichts mehr fühlen. Ein metaphysischer Punkt unter metaphysischen Punkten. Jetzt, sich selbst vor Augen gestellt, ein Kaleidoskop des Zweifels: „Ich weiß nicht, wer mich in die Welt gesetzt hat, noch was die Welt ist, noch was ich selber bin; ich bin in einer furchtbaren Unwissenheit über alle Dinge; ich weiß nicht, was mein Leben ist, was meine Sinne sind, was meine Seele ist, ja selbst jener Teil von mir, der das denkt, was ich sage, der über alles und über sich selbst nachdenkt und sich nicht besser erkennt als das Übrige. Ich sehe diese furchtbaren Räume des Weltalls, die mich umschließen, und ich finde mich an einem Winkel dieser unermeßlichen Ausdehnung gebunden, ohne zu wissen, warum ich gerade an diesen Ort gestellt bin und nicht an einen anderen, noch warum mir die kleine Zeitspanne, die mir zum Leben gegeben ist, gerade an diesem und nicht an einem anderen Punkt der ganzen Ewigkeit zugeordnet ist: der Ewigkeit, die mir voraufgegangen ist, und jener, die mir folgt. Ich sehe auf allen Seiten nur Unendlichkeiten, die mich umschließen wie ein Atom und wie einen Schatten, der nur einen Augenblick dauert und nicht wiederkehrt. Alles, was ich weiß, ist, daß ich bald sterben muß, aber was ich am allerwenigsten kenne, ist dieser Tod selbst, dem ich nicht entgehen kann. Wie ich nicht weiß, woher ich komme, so weiß ich auch nicht, wohin ich gehe; und ich weiß nur, daß ich beim Verlassen dieser Welt für immer entweder in das Nichts oder in die Hand eines erzürnten Gottes falle, ohne zu wissen, welche von diesen beiden Bedingungen für ewig mein Los sein muß“ (Pascal, Blaise: Fragment 194).

Doch während die Paukenschläge des Lebens, die Welt der Einsichten in Trümmer legen, steigt Gelassenheit auf. Ihr Zusammenklang ist verräterisch; gibt Kunde vom großen Prinzip hinter allen Erscheinungen: Harmonie. Einheit in der Vielheit, Ordnung in der Unordnung, Schönheit in der Hässlichkeit. Und eben hier hebt sie an. So wie eine Melodie, die nur aus harmonischen Intervallen und Akkorden besteht, gar nicht als harmonisch empfunden werden kann, und wie wir das Licht erst durch die Schatten zu erkennen vermögen, so bedarf es auch im Leben der Dissonanzen, der Schatten. Sie nämlich tragen den Imperativ der Herrlichkeit: ihre unablässige Forderung nach Auflösung. Indem wir also im Denken und Handeln danach trachten, das Schwere mit dem Leichten, das Bittere mit dem Süßen, das Enge mit dem Weiten, die Verzweiflung mit der Hoffnung, die Angst mit dem Mut, die Traurigkeit mit der Freude, den Hass mit der Liebe, das Tiefste mit dem Höchsten, in sorgfältiger Abstimmung zusammenzuführen, entsteht das Meisterwerk unseres Lebens.

Früh brechen die Nächte an in dieser Zeit. Stille. Ein Riss zwischen Tageslicht und Dunkel. Jetzt hören wir ihn, den Klang unserer ruhmreichen Komposition, der das Geschrei der Welt verstummen lässt. Ein Augenblick. Doch „alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit“ (Nietzsche, Friedrich: Zarathustra).

Autor: Bernd Waß
Diskussionsbeiträge bitte an: b.wass@academia philosophia.com

29.11.2016: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Von Idioten und Wahnsinnigen

Verfolgt man die weltweiten politischen Entwicklungen, den politischen Diskurs der letzten Monate, vielleicht der letzten Jahre, ebenso wie die Auffassungen derer, die wir heute zu den politischen Gewinnern zählen müssen, so drängt sich einem der Verdacht auf, dass hier etwas nicht stimmt, dass wir es womöglich mit Idioten und Wahnsinnigen zu tun haben, die sich — zumeist auf demokratische Weise gewählt — anschicken, über unsere Zukunft zu bestimmen. Gleich vorweg: Der Philosoph würde sich ohne Zweifel eines höflicheren Tones befleißigen, sich den Abstieg in die Niederungen dieser drastischen Wortwahl ersparen, wenn er nur könnte. Leider aber kann er nicht, was schlichtweg einer überaus trefflichen Analyse geschuldet ist, die der Philosoph und Vordenker der Aufklärung John Locke, in seinem Versuch über den menschlichen Verstand, durchführt:

„Die Gebrechen der Idioten scheinen auf mangelnder Geschwindigkeit, Aktivität und Beweglichkeit der intellektuellen Fähigkeiten zu beruhen, wodurch sie des Vernunftgebrauchs beraubt sind, während die Wahnsinnigen auf der anderen Seite unter dem entgegengesetzten Extrem zu leiden scheinen. Denn, wie mir scheint, haben sie nicht die Fähigkeit des Schließens eingebüßt, sondern verbinden nur gewisse Ideen in ganz verkehrter Weise und halten sie fälschlich für Wahrheiten. Sie irren also wie Menschen, die aus falschen Prinzipien richtige Schlüsse ziehen; denn durch eine übermächtige Einbildungskraft sehen sie ihre Einbildungen für Realitäten an und leiten richtige Schlüsse daraus ab. So kann man beobachten, daß ein Geisteskranker, der sich für einen König hält, einem richtigen Schluß entsprechend, die einem solchen gebührende Bedienung und Ehrerbietung und den entsprechenden Gehorsam verlangt. […] Es gibt freilich verschiedene Abstufungen des Wahnsinns ebenso wie des Schwachsinns; das wirre Durcheinanderwerfen von Ideen findet sich bei manchen […] in höherem, bei anderen in geringerem Grade. Kurz gesagt liegt wohl der Unterschied zwischen Idioten und Wahnsinnigen darin, daß die letzteren falsche Ideen verbinden und auf diese Weise falsche Sätze bilden, aber von diesen ausgehend richtig folgern und schließen, während die Idioten sehr wenige oder gar keine Sätze bilden und fast überhaupt keine Schlüsse ziehen“ (Locke, John: Versuch über den menschlichen Verstand, Meiner, S. 182).

Man ist immer noch einigermaßen verwundert, warum sie es nichtsdestoweniger vielerorts bis in die höchsten Ämter der Regierungen und an die Spitzen der Staaten schaffen. Doch bei genauerer Hinsicht scheint klar: Ohne uns der Fähigkeit des prüfenden, zergliedernden, an logischen Gesetzmäßigkeiten orientierten, tiefenscharfen Denkens zu bemächtigen, ist weder der Idiotie noch dem Wahnsinn beizukommen. Wir müssen Denken lernen! — Um jenen entgegentreten zu können, die die Errungenschaften der europäischen Aufklärung zerstören wollen, die bizarre Vorstellungen von Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit hervorbringen und die die Menschenrechte mit Füßen treten.

Autor: Bernd Waß
Diskussionsbeiträge bitte an: b.wass@academia philosophia.com

17.11.2016: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Von den Gegenständen diesseits und jenseits der Wahrnehmung

Es mag schon sein, dass es eine Welt gibt, die unserer Wahrnehmung prinzipiell unzugänglich ist, die mithin jenseits aller Wahrnehmung liegt, doch über eine solche Welt lässt sich nichts vernünftiges sagen. Mit anderen Worten: Metaphysik, also jene philosophische Disziplin, um deren Gegenstand es sich hierbei handelt, ist bloße Spekulation. Das ist eine weit verbreitete Auffassung, die heute vor allem in den Naturwissenschaften programmatisch ist, aber auch in der Philosophie immer wieder vertreten wurde. Man denke etwa an David Humes Klassifikation sinnvoller Sätze in empirische und tautologische, an Friedrich Nietzsches Abneigung gegen jeden Hinterwelt-Platonismus oder an den berühmten Wiener Kreis, dessen zentralem Anliegen zufolge sich philosophische Aussagen entweder auf Beobachtungssätze zu beziehen haben oder auf solche Sätze, die sich logisch auf Beobachtungssätze zurückführen lassen. Aufgrund der gewaltigen naturwissenschaftlichen Fortschritte der letzten einhundert Jahre, der damit einhergehenden Ausbildung eines durch und durch physikalistischen Weltbildes, sowie einer thematischen Annäherung der Philosophie an Physik und Neurobiologie, herrscht heute neuerlich die Tendenz vor, Fragestellungen mit Bezug auf wahrnehmungsjenseitige, metaphysische Gegenstände als Ausdruck einer unwissenschaftlichen, vernunftlosen Sicht der Dinge zu verstehen. Doch die Frage, worüber sich vernünftig reden lässt und worüber man, um es in Anlehnung an Wittgenstein zu sagen, besser schweigt, steht nicht nur im Mittelpunkt philosophisch-wissenschaftlicher Debatten, sondern erhitzt die Gemüter auch im Alltagsdiskurs. Der Grund für diese — da wie dort teils heftig geführten — Auseinandersetzungen ist leicht auszumachen, geht es doch letztlich um nichts Geringeres als darum, die Vorherrschaft in Erkenntnisfragen auszufechten; klar zu machen, wem die Deutungshoheit über die prinzipiellen Zusammenhänge im Universum zukommt. Dabei sind die empirischen Wissenschaften in einem überwältigenden Vorteil. Sie zeichnen ein immer genaueres Bild der Welt, das über weite Strecken in sich schlüssig ist, das mathematischen Anforderungen genügt und das im Einklang mit den Naturgesetzen steht. Vorstellungen über Gegenstände wie Gott oder Seele, platonische Ideen, teleologische Ursachen, morphogenetische Felder, Engel, Dämonen usw. können hier bei weitem nicht mithalten. Nicht zuletzt deshalb ist eine eigenartige »Verheiratung« der Empirie mit der Vernunft zu beobachten: Wer seine Auffassungen über die Architektur der Welt auf Beobachtbares stützt, der gilt als vernünftig; wer selbige hingegen auf Nicht-beobachtbares, also Wahrnehmungsjenseitiges stützt, der gilt als unvernünftig. Mit anderen Worten: Ein naturwissenschaftlich fundiertes Weltbild ruht auf guten Gründen, ein metaphysisches tut das nicht. Die Zeiten, in denen sich z. B. Werner Heisenberg zu sagen traute, dass die kleinsten Einheiten der Materie nicht physikalische Objekte im herkömmlichen Sinn des Wortes sind, sondern Formen, Strukturen oder, im Sinne Platons, Ideen, sind wohl vorbei. Die Gründe dieser aktuellen Geringschätzung metaphysischer Weltdeutung sind vielfältig. Erstens scheint eine angemessene Vorstellung von Zweck und Ziel der Beschäftigung mit dem Metaphysischen abhandengekommen zu sein. Jedenfalls in der Philosophie geht es hierbei um die Erforschung letzter Realität, um ein Gesamtbild von allem überhaupt, um einen definitiv letzen Abschluss unseres Wissens über die Welt. Der Ausdruck ‘letzte Realität’ verweist dabei auf den Gegensatz von Erscheinung und Realität, von einer Welt diesseits der Wahrnehmung und einer solchen jenseits derselben, und der damit einhergehenden Möglichkeit eines ständigen Rückgriffs auf immer neue Realitäten. Das Gesuchte — die letzte Realität —, wäre das, was hinter allen Wahrnehmungserscheinungen steht und alle Rückgriffe auf relative Realitäten zu einem Abschluss bringt. Zweitens wird — vor allem außerhalb der Philosophie — mit vollkommen untauglichen Mitteln an die Sache der Metaphysik herangegangen. Das hat zur Folge, dass die angebotenen Gedankengebäude, den rationalistischen Anforderungen, die an sie gestellt werden, das sind logische Perfektion und Kohärenz, nicht einmal im Ansatz genügen. Und endlich drittens sind die Gegenstände, die im Rahmen metaphysischer Arbeit noch immer verhandelt werden, man könnte sagen, veraltet. Dass Gott, Seele und ähnliche Gegenstände, ob der erdrückenden Last empirischer Befunde, wenig Aussicht auf Rehabilitation haben, ist einigermaßen einleuchtend.

Wenn es aber tatsächlich so ist, dass ein vernünftiges Weltbild ausschließlich solche Gegenstände und Zusammenhänge enthalten darf, die der sinnlichen Wahrnehmung zugänglich sind — die also diesseits und nicht jenseits des Wahrnehmbaren liegen —, dann muss es gelingen, den Einheitszusammenhang der Wahrnehmungswirklichkeit ohne Rückgriff auf eine transempirische Realität zu erklären. Doch das dürfte schwierig werden. Man kann nämlich von hier aus weder eine Welt objektiver Gegenstände begreiflich machen, noch die Vorstellung einer unbegrenzten Zeit oder der Existenz von Erlebniszusammenhängen, die nicht die eigenen sind. Man müsste — wie wir noch sehen werden — weitreichende Voraussetzungen akzeptieren, die selbst höchst problematisch sind. Andererseits ist einleuchtend, dass wahrnehmungsjenseitige Gegenstände, wie Gott und dergleichen mehr, den Anforderungen einer modernen Theorie der Welt nicht genügen, um es vorsichtig auszudrücken. Viel zu schwerwiegend wären die Probleme, in die man geriete, zöge man sie allen Ernstes als Erklärungsgrundlage in Betracht. Ein Dilemma. Erklärungen mit ausschließlicher Bezugnahme auf Gegenstände diesseits der Wahrnehmung erlauben es uns nicht, den Einheitszusammenhang der Wahrnehmungswirklichkeit lückenlos verständlich zu machen; und Erklärungen, die auf Realitäten jenseits der Wahrnehmung zurückgreifen gelten gemeinhin nicht als Ergebnis vernünftiger Überlegungen. Um dieses Dilemma aufzulösen, muss man den epistemischen Standpunkt ändern, von dem aus man der Welt begegnet. Erst dann wird man sehen, dass die Bezugnahme auf Gegenstände und Zusammenhänge jenseits der Wahrnehmung keinesfalls jenseits des Vernünftigen zu liegen kommt. Im Gegenteil: Unvernünftig ist, wie sich dann zeigt, wer dogmatisch daran festhält, das Weltganze ohne Bezug auf eine Wirklichkeit erklären zu wollen, die der Wahrnehmung unzugänglich ist. Vorausgesetzt freilich man hält sich an die Gütekriterien einer jeden Metaphysik: logische Perfektion und Kohärenz. Ich werde nun versuchen, einen solchen Standpunkt herauszuarbeiten, sozusagen eine Miniatur-Metaphysik vorzulegen, die es erlaubt den engen Horizont des Wahrgenommenen auf vernünftige Weise zu übersteigen.

Vergegenwärtigen wir uns zunächst den epistemischen Standpunkt, von dem aus wir der Welt üblicherweise begegnen und von dem aus sich uns die herkömmlichen metaphysischen, sprich wahrnehmungsjenseitigen Gegenstände, wie von selbst ergeben: Im Alltag, aber auch in den Wissenschaften, sind Wahrnehmungsinhalt und Welt ein und dasselbe. Häuser, Bäume, Hunde oder andere Menschen; Gehirne, Teilchenbeschleuniger oder Milchstraße — wir halten die Wahrnehmungsgegenstände, in all ihren Variationen, schlichtweg für Gegenstände einer Körperwelt, wie sie von der Physik beschrieben wird und worauf wir uns beziehen, wenn wir z. B. miteinander reden. Insofern finden sich diesseits der Wahrnehmung alle Gegenstände des täglichen Lebens ebenso wie alle Gegenstände der Wissenschaft. Jenseits der Wahrnehmung folglich alle anderen Gegenstände: Gott, Seele, platonische Ideen usw. Das ist die natürliche Weltansicht. Eine Gebilde des gewöhnlichen Lebens. Was der Wahrnehmungswirklichkeit zugeordnet werden kann, gilt als unbestreitbar. Zweifelt jemand an der Existenz irgendeines Dings, so müssen wir ihn nur hinführen, damit er es sehen, betasten, hören oder riechen kann, dann zweifelt er nicht mehr. Als höchst strittig hingegen gilt, was der Wahrnehmungswelt nicht zugeordnet werden kann.

Und doch ist die natürliche Weltansicht unzulänglich, lückenhaft und widerspruchsvoll. Das zeigt sich, sobald man die einfachen, selbstverständlichen Unterscheidungen des gewöhnlichen Lebens einer Begriffsanalyse unterzieht und sie sich in allgemeiner Form verständlich machen will: Die Gegenstände der Körperwelt, von der oben die Rede war, sind allgemeine Objekte und werden dementsprechend als objektiv charakterisiert. Sie werden als ein und dasselbe, als ein Identisches in allen Wahrnehmungen auch verschiedener Personen gedacht; als etwas, das eine stete, normale Bestimmtheit hat, auf die man bei Wahrnehmungsdifferenzen und im Streit über die richtige Auffassung verweisen kann. Darüber hinaus werden diese Gegenstände als etwas gedacht, das in seiner Bestimmtheit dauernd für sich besteht und wirkt und nicht bloß da ist, wenn es wahrgenommen wird. Dass die Gegenstände der Körperwelt vom Einzelnen und seinen Wahrnehmungen unabhängig existieren, das ist uns im Alltag derart vertraut, dass schon der geringste Zweifel daran zu heftigen Protesten führt. Auch wenn wir sie nur zeitweilig wahrnehmen, z. B. jetzt gerade, oder später oder früher einmal, so sind wir dennoch der Auffassung, dass wir es lediglich mit herausgegriffenen Momenten eines ununterbrochenen, gleichmäßigen Vorhandenseins zu tun haben; dass uns also nur anschaulich wird, was die längste Zeit unabhängig von uns schon so vorhanden war. Aber die Gegenstände der Körperwelt in diesem Sinne — also im Sinne von Objektivität und Dauerhaftigkeit — sind etwas ganz anderes, als uns die Wahrnehmung bietet. Eine Körperwelt, die so gedacht wird, steht im Widerspruch zu dem, was in der Wahrnehmung als Körper vorgefunden wird. Wahrnehmungsinhalte sind zunächst etwas hochgradig individuelles. Nicht bloß individuell verschieden von Person zu Person, sondern immer auch individuell nuanciert und verändert. Was jeder Einzelne wahrnimmt, ist in dieser Weise nur für ihn vorhanden. Wenn die vielen Zuschauer im Theater sitzen, dann bewegen sich vor ihnen die gleichen Objekte; was aber ein jeder Anwesende de facto wahrnimmt, ist nicht das Gleiche, sondern individuell Verschiedenes. Nicht bloß verschieden im Sinne eines individuellen Ausschnitts der Welt, der dem Einzelnen zu einem bestimmten Zeitpunkt gegenwärtig ist, sondern auch verschieden nach Lage, Entfernung und persönlicher Disposition. Was wahrgenommen wird, ist, so wie man es wahrnimmt, nur für jeden Einzelnen da. Wahrnehmungsinhalte implizieren ein irreduzibles Moment der Subjektivität, das sich in Abhängigkeit von der körperlichen Verfassung des Wahrnehmenden, speziell der Verfassung seiner Sinnesorgane, dem Zustand der Umgebung und der Eigenart des Bewusstseins — seinem Erlebnischarakter — konstituiert. Meine Wahrnehmungsinhalte sind nur für mich in dieser Weise da, d. h. sie sind subjektive Phänomene. Aber auch mit der Stetigkeit der objektiven Körperwelt — die ja als eine sich über relativ lange Zeit gleichmäßig und ohne Unterbrechung fortsetzende Welt gedacht wird — steht das Wahrnehmungsgegebene in Konflikt. Es ist ein flüchtiges Bild der Welt, das sich uns in der Wahrnehmung darbietet, von allerhand subjektiven Einflüssen verzerrt und schon im nächsten Wahrnehmungsmoment — wenn ein neuer Ausschnitt der Welt ins Bewusstsein rückt — verloschen. Vergleicht man also das, was in einer Wahrnehmung wirklich vorliegt mit dem, was von einer objektiven, d. h. der physischen Körperwelt gefordert wird, so ergibt sich klar ihre Verschiedenheit. Der Wahrnehmungsinhalt kann nie und nimmer jene objektive Körperwelt konstituieren auf die sich die miteinander verkehrenden Personen beziehen. Es wird nichts geboten, was hierfür geeignet wäre. Sobald man den Gedanken einer objektiven, für sich bestehenden Körperwelt gefasst hat und sie in der Wahrnehmung aufzusuchen und zu bestimmen unternimmt, ergibt sich unausweichlich, dass das Wahrgenommene nicht diese objektive Körperwelt sein kann. Beim Wahrgenommenen muss es sich folglich um eine andere, zweite Welt handeln: eben um eine Welt subjektiver Phänomene. So ergeben sich zwei Welten: auf der einen Seite die Phänomenwelt also die Wahrnehmungswelt, auf der anderen Seite die objektive Körperwelt, die Realwelt. Erstere ist eine Repräsentation Letzterer im Bewusstsein, vielleicht ein Bild, vielleicht bloß ein Zeichen derer, jedenfalls aber nur eine Vertretung, ein Korrelat, nicht die objektive Körperwelt selbst.

Wenn wir nun zusammenfassen und den richtigen Schluss ziehen, so zeigt sich uns ein ganz anderes Bild von den Gegenständen jenseits der Wahrnehmung: Der gesamte Bereich dessen, was wir im Alltag üblicherweise für die objektive Körperwelt, mithin für die Realwelt halten, gehört in Wahrheit zur Phänomenwelt. Die Phänomenwelt wiederum ist die wahrnehmungsimmanente Repräsentation der objektiven Körperwelt. Diesseits der Wahrnehmung finden wir also — wie sich zeigte — keinesfalls die objektive Körperwelt selbst vor, sondern lediglich eine Vertretung derselben, ein Korrelat. Wenn dem aber so ist, dann stellt sich unweigerlich die Frage, wo die objektive Körperwelt selbst zu liegen kommt. Und die einzig richtige Antwort kann nur lauten: jenseits der Wahrnehmung. Jenseits der Wahrnehmung finden sich also wider erwarten weder Gott noch Dämonen oder andere mysteriöse Gegenstände, sondern schlicht und ergreifend Realwelt! Von dieser Warte aus betrachtet, ist die Rede vom Wahrnehmungsjenseitigen an Vernünftigkeit kaum zu überbieten, ist doch die Realwelt der Gegenstandsbereich par excellence der strengsten aller Wissenschaften, der Physik.

Man sieht also: Bringt man die Vorstellungen von der Welt, wie sie uns im Alltag begegnen, ins Wanken, so zeigen sich einem ganz andere Verhältnisse. Das vermeintlich Objektive – die Körperwelt in der Wahrnehmung – offenbart sich als Welt subjektiver Bewusstseinsphänomene und die Realwelt, die wir gerade noch vor unseren Augen glaubten, zeigt sich als eine Welt jenseits der Wahrnehmung, mithin jenseits aller Subjektivität des Bewusstseins. Und mit dieser Einsicht ändert sich dann eben auch die Bestimmung dessen, worüber man vernünftig reden kann.

Autor: Bernd Waß
Diskussionsbeiträge bitte an: b.wass@academia philosophia.com

06.11.2016:Leibniz an der Akademie der Wissenschaften

Es ist der 03. November 2016. Ich reise nach Wien. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften richtet ein internationales Leibniz-Symposium aus. Es sind hochkarätige Gelehrte, die aus Anlass des 300. Todestags des berühmten Philosophen, Mathematikers und Erfinders Gottfried Wilhelm Leibniz darüber diskutieren, inwiefern sich die Erkenntnisse Leibnizens auf die heutigen Problem- und Fragestellungen auswirken, die sich uns im Umgang mit Wissenschaft, Gesellschaft und Religion ergeben. Individualität, religiöse Pluralität, die Perspektive des Anderen und der Zusammenhang von Theorie und Praxis sind Felder, die es zu durchmessen gilt, um auf dem Weg einer ständig zu korrigierenden Weltanschauung voranzuschreiten.

Vielleicht sind es vierzig oder fünfzig Menschen, die sich dieser Tage in die ehrwürdigen Hallen der Akademie verirren, vielleicht auch sechzig. Leibniz ersann die Akademien (u. a.) als Bindeglieder zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Der Elfenbeinturm der Gelehrten sollte sich öffnen und das Denken und Erkennen derer, die darin zu Gange sind, auf die Verbesserung der Gesellschaft hin verpflichten. Und wer kommt, wenn man die Türen aufmacht? Dass die Philosophie von jeher eine Randerscheinung ist, ist wenig verwunderlich. Zu befürchten ist allerdings, dass auch das Denken zu einer solchen Randerscheinung wird, und ich meine damit natürlich nicht, das kalkulierende, planende Denken um des ökonomischen Vorteils wegen.

03.11.2016: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Die Irrlichter des Glücks

Das Glück des Lebens, so scheint es, ist eine fragile, unstete, ja flüchtige Gestalt. Eben noch glaubten wir sie in unserem Besitz, schon verschwimmen ihre Konturen und bald bleibt nichts zurück, außer jenem gesichtslosen, biografischen Moment vielleicht, den das Glück in unserer Seele zu hinterlassen vermochte. Weder die althergebrachten Mittel der Religionen noch jene der Moderne sind tauglich unser Glück zu konservieren. Selbst die kühnsten Versuche ihm habhaft zu werden scheitern, wie alle anderen, ad infinitum. So wird uns die Jagd nach dem Glück zum Desaster und gleicht der Strafe des Sisyphos, der von den Göttern dazu verurteilt ist, unablässig einen Felsblock einen Berg hinauf zu wälzen, von dessen höchstem Punkt, der Stein von selbst wieder hinunterrollt. Endlich am Gipfel angelangt, auf dem das Glück thront – man könnte sagen, das Weh des Lebens überwunden – entgleitet uns dieses höchste Gut, das Endziel unseres Strebens, wie Aristoteles meinte, und der Gang unserer Geschichte beginnt von Neuem. Das Glück lässt sich nicht greifen, und während sich der Glücksjäger nach der Sehnsucht verzehrt, endlich glücklich zu sein, ist er dem Tod näher als dem Leben. Wozu nun der Philosoph durch allerhand Wortgirlanden sich hier auszudrücken bemüßigt fühlt, das kommt nicht nur ihm, sondern bisweilen auch Anderen in den Sinn: dass nämlich der Mensch womöglich gar nicht zum dauerhaften Glück bestimmt ist, dass sein Leben also über weite Strecken glücklos bleiben wird. Was aber, wenn unsere Auffassung vom Glück ein Irrtum ist? Was, wenn das Glück keine Gestalt ist, die dem Leben erst hinzukommt und aus dem Fluss desselben herausragt; kein Monument besonderer Schönheit, der die Seele auf außergewöhnliche Weise zu rühren vermag, nichts, was dem Leben nicht schon selbst innewohnte? Dann warten wir vergeblich, obwohl das Gesuchte, die ganze Zeit vor unseren Augen liegt. Heilung aber naht! Der Weg zum »wahren« Glück, so tönt es von jeher aus den Hallen der Glücksgurus und spirituellen Führer, führt vom äußeren Glück als dem Glück, das noch hinzukommt, zum inneren Glück als dem Glück, das immer schon da ist. Lediglich die Einsicht, dass sich auch dieses Glück unserem Zugriff entziehen könnte, will sich nicht so recht einstellen. Doch sie liegt nahe: Dass eine unbegrenzt verlängerte Empfindung überhaupt aufhören würde empfunden zu werden, also gar nicht mehr im Bewusstsein existieren würde; dass mithin ein bestimmter Inhalt, der immer in unserem Bewusstsein ist, schlichtweg unbemerkt bliebe, weil wir uns dessen Nichtsein gar nicht vorstellen könnten, mithin sein Vorhandensein nicht mit der Vorstellung seines Fehlens vergleichen und von ihr unterscheiden könnten, das ist ein Verdacht, der nicht nur Hobbes und Schlick gekommen ist. Horribile dictu: Das Glück, das dem Leben hinzukommt, lässt sich nicht greifen und jenes, das ihm dauerhaft innewohnt, bemerken wir nicht. Ein Befund, der es leicht vermag uns ins Unglück zu stürzen. Nicht aber den, der einsieht: Des Menschen Glück, wie sein Leben, gleicht der Aporie des Philosophen. Widersprüchlich in seinen Momenten und ausweglos in seiner Gesamtheit, absurd und fantastisch zugleich. Unverstandene Selbstverständlichkeit.

Autor: Bernd Waß
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27.10.2016: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Die beste aller möglichen Welten?

Vor dreihundert Jahren stirbt der letzte Universalgelehrte: Gottfried Wilhelm Leibniz. Sein großes Vermächtnis, mit dem er sich den beißenden Spott Voltairs zugezogen hat, und das dem Pessimisten und Desillusionierungsphilosophen Schopenhauer lediglich einen ironischen Kommentar entlockt, ist das Kernstück seiner Metaphysik, die Theodizee und der sie tragende Gedanke, die Welt, in der wir leben, sei die beste aller möglichen Welten. Schwer vorzustellen in einer Welt, die von jeher eine Welt des Krieges und des Leidens ist, und in der uns Hunger, Armut und Not und die Wucht der humanitären Katastrophen zu zerreißen drohen. Doch das Übel in der Welt ist für Leibniz weder der Gegenspieler des Guten noch eine Größe, die wir nicht zu beeinflussen imstande wären. Gutes und Übles sind einander nämlich inhärent. „Wie das minder Üble den Charakter des Guten hat, so hat das minder Gute den Charakter des Üblen“ (Leibniz, Discours de Métaphysique,1686). Das vollkommen Gute wiederum beruht für Leibniz auf vernünftiger Einsicht, woraus folgt: Ein Mangel an Einsicht führt zum minder Guten, und das minder Gute ist bekanntermaßen das relativ Üble. Auch wenn uns die Auffassung Leibniz’, dass allein die Erkenntnis des Guten zur guten Handlung führt, gar zu idealisiert scheint, so ist nichtsdestoweniger die geistige Finsternis zu beklagen, die uns umgibt, in der die Lichter des Verstehens ferne Sonnen sind und das Gute stirbt, ehe es geboren wurde. Die Hoffnung aber, dass sich der Schleier des Nichtwissens heben wird, könnte sich nicht erfüllen. Vom hohen Ross der Vernunft gestürzt, den Geist zum Epiphänomen eines blinden Weltwillens degradiert, ist der Mensch im Rahmen pessimistisch-naturalistischer Weltdeutung eine Marionette der Natur, in seinem Handeln festgelegt wie das Wachstum einer Pflanze. Einzig das Schopenhauersche Mitleid, als die Neigung zur Selbstlosigkeit, könnte uns retten. Mitleid, so schreibt Schopenhauer in der Preisschrift für die Dänische Sozietät der Wissenschaften, ist die moralische Triebfeder schlechthin. „Denn grenzenloses Mitleid mit allen lebenden Wesen, ist der festeste und sicherste Bürge für das sittliche Wohlverhalten […]. Wer davon erfüllt ist, wird zuverlässig Keinen verletzen, Keinen beinträchtigen, Keinem wehe tun, vielmehr mit Jedem Nachsicht haben, Jedem verzeihen, Jedem helfen, so viel er vermag, und alle seine Handlungen werden das Gepräge der Gerechtigkeit und Menschenliebe tragen“. Bleibt nur noch die Frage, warum wir uns derart zurückhalten, dort, wo die Verschwendung in ehrbarer Gestalt auftreten könnte.

Autor: Bernd Waß
Diskussionsbeiträge bitte an: b.wass@academia philosophia.com

23.10.2016: Kunstgespräch mit Dieter Huber

Am Tisch 74 diskutierten wir mit dem international erfolgreichen, in Salzburg lebenden und schaffenden, Künstler Dieter Huber (dieter-huber.com). Aus dem Blickwinkel des Künstlers, der Kunsthistorikerin, des Sammlers und des Philosophen stellten sich uns die Fragen nach dem Wesen und der Aufgabe der Kunst am Beginn des dritten Jahrtausends. Es interessierte uns das Verhältnis von Motiv, Werk, Rezipient und Kunst, die Methodologie künstlerischer Bezugnahme auf Welt und Mensch, aber auch der Einfluss eines mächtigen, von Galeristen und Rendite-Hungrigen Käufern beherrschten, Kunstmarktes auf die Qualität und die Aussagekraft moderner Kunst.

20.10.2016: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Der Hausverstand — ein überheblicher, nichtsnutziger Münchhausen

Nicht zuletzt dank der Werbung eines österreichischen Lebensmittelunternehmens ist der „Hausverstand“ wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Es scheint so, als wäre er nicht nur eine zuverlässige Quelle für persönliche Entscheidungen, sondern auch ein Garant für die nachhaltige Entwicklung von Unternehmen, die Beantwortung politischer und gesellschaftlicher Fragen, ein gedeihliches Miteinander oder die Lösung komplexer ökologischer Probleme. In der Philosophie ist diese Sache betreffend vom Commonsense oder Alltagsdenken oder auch vom gesunden Menschenverstand die Rede. Aber taugt der gesunde Menschenverstand wirklich dazu, eine Weltanschauung zu entwerfen und eine Handlungsorientierung hervorzubringen, die der Komplexität moderner Lebenswelten gerecht wird? Oder ist er nur ein überheblicher, nichtsnutziger Münchhausen?

Etwa im 18. Jh. rückt der gesunde Menschenverstand ins Zentrum philosophischer Aufmerksamkeit. Seither versteht man darunter das Vermögen, Sachverhaltserkenntnis und Handlungsorientierung in komplexen Zusammenhängen zu erlangen, ohne dabei auf explizite, rationale Operationen bzw. Verfahren zurückzugreifen. Noch deutlicher wird die Angelegenheit bei Thomas Reid, dem Begründer der sogenannten Common-Sense-Philosophie, jener philosophischen Strömung, die den gesunden Menschenverstand nicht nur als taugliches Erkenntnisvermögen in Alltagsdingen begreift, sondern ihn auch als Fundament philosophischer Theorien forderte. Für Reid befähigt uns der gesunde Menschenverstand, die Wahrheit zu erkennen, und zwar nicht auf dem Umweg etwa des logischen Schlussfolgerns, des Überlegens und Abwägens, des Argumentierens und Begründens oder anderer rationaler Verfahren, wie sie beispielsweise Mathematik, Geometrie oder formale Logik bereitstellen, sondern durch sofortige, intuitive Einsicht. Er beruht weder auf Ausbildung noch auf Gewohnheit, sondern ist naturgegeben. Man könnte vielleicht auch von einem robusten, nicht fehlerlosen aber doch nicht allzu fehleranfälligen, bodenständigen, allen Menschen gleichermaßen gegebenen, Erkenntnisvermögen sprechen. Während also Thomas Reid den gesunden Menschenverstand sowohl in intellektueller als auch lebenspraktischer Hinsicht zum Dreh- und Angelpunkt allen Denkens macht, ist das Urteil seiner Kritiker vernichtend. Für Immanuel Kant etwa hat der Auftritt des gesunden Menschenverstandes zwar in alltäglichen Dingen gewisse Berechtigung, doch letztlich ist er nichts weiter als ein bequemes Hilfsmittel, ein Orakel, ein Urteil der Menge, dem unangemessenerweise auch dort vertraut wird, wo sich Erkenntnis lediglich auf logische Zusammenhänge gründet. Für Georg Wilhelm Hegel wiederum gibt er nur eine Rhetorik trivialer Wahrheiten zum Besten und ist nichts anderes als die Denkweise einer Zeit, in der alle Vorurteile dieser Zeit enthalten sind. Und Friedrich Nietzsche bemerkt verächtlich, dass er nichts anderes sei als ein ekelhafter Allerweltsglaube.

Gründe genug, den gesunden Menschenverstand einer philosophischen Prüfung zu unterziehen. Das Ergebnis dieser Prüfung Der gesunde Menschenverstand – eine philosophische Kritik finden Sie, alphabetisch gereiht, in der Rubrik Publikationen.

Autor: Bernd Waß
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14.10.2016: Philosophisch-literarisches Symposion

Im Hauptquartier des Philosophen hob das erste philosophisch-literarische Symposion des Spätjahres 2016 an. Mit Friedrich Nietzsche und Franz Kafka waren nicht nur zwei herausragende Geister eingeladen, sondern auch zwei verborgene, sich nicht gleich und nicht jedem preisgebende: Nietzsche, der Zukunftsphilosoph, der Antichrist, dessen Zarathustra mit dem Gestus eines Gottes zur großen Demontage des Jenseitigen ausholt und in der Überwindung des Menschen im Übermenschen, die große, alles überstrahlende Sonne der geistigen Freiheit erblickt und Kafka, der von Versagensängsten geplagte Versicherungsangestellte, der ein, wie er selbst sagt, Manöver-Leben-Führende und vormittags Bürostunden leistende, nachmittags schlafende und nachts schreibende Literat, dessen Werk wir heute zum Kanon der Weltliteratur zählen. Ohne Zweifel: zwei gewaltige Leuchtfeuer in einer sich rasch verdunkelnden Zeit der geistigen Dekadenz.

13.10.2016: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Die Sichtweise der Tiere

In der Tageszeitung DerStandard vom 13.Oktober 2016 ist zu lesen, dass Forscher der Universitäten Stanford und Connecticut in der Lage sind, per virtual reality, Menschen die Sichtweise von Tieren einnehmen zu lassen. Die Wissenschaftler hoffen darauf, dass sich unser Mitgefühl gegenüber Tieren verbessert, wenn wir virtuell etwa einen Schlachttransport aus der Sicht einer Kuh erleben oder die Verschmutzung der Meere aus der Sicht einer Koralle. Das ist erstaunlich und zeigt einmal mehr, dass man es in den viel beachteten, faktenaufweisenden Wissenschaften mit dem Denken häufig nicht gar so ernst nimmt, ist es uns doch aus erkenntnislogischen Gründen prinzipiell unmöglich eine solche Sichtweise einzunehmen. Der Philosoph Thomas Nagel macht die erkenntnislogischen Probleme in seinem Aufsatz ‘Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?’ deutlich:

“Ich nehme an: Wir alle glauben, daß Fledermäuse Erlebnisse haben. Schließlich sind sie Säugetiere, und es gibt keinen größeren Zweifel daran, daß sie Erlebnisse haben als daran, daß Mäuse, Tauben oder Wale Erlebnisse haben. […] Obwohl Fledermäuse uns näher verwandt sind als diese anderen Arten, weisen sie einen Sinnesapparat und eine Reihe von Aktivitäten auf, die von den unsrigen so verschieden sind, daß das Problem das ich vorstellen möchte besonders anschaulich ist (obwohl es gewiß auch anhand anderer Arten aufgeworfen werden könnte).

[…] Das Wesentliche an dem Glauben, daß Fledermäuse Erlebnisse haben, [ist], daß es irgendwie ist, eine Fledermaus zu sein. Heute wissen wir, daß die meisten Fledermäuse […] die Außenwelt primär durch Radar oder Echolotortung wahrnehmen, indem sie das von den Objekten in ihrer Reichweite zurückgeworfene Echo ihrer raschen und kunstvoll modellierten Hochfrequenzschreie registrieren. Ihre Gehirne sind dazu bestimmt, die Ausgangsimpulse mit dem darauf folgenden Echo zu korrelieren. Die so erhaltene Information befähigt Fledermäuse, eine genaue Unterscheidung von Abstand, Größe, Gestalt, Bewegung und Struktur vorzunehmen, die derjenigen vergleichbar ist, die wir beim Sehen machen. Obwohl das Fledermaus-Radar klarerweise eine Form von Wahrnehmung ist, ist es in seinem Funktionieren keinem der Sinne ähnlich, die wir besitzen. Auch gibt es keinen Grund zu der Annahme, daß es subjektiv so wie irgendetwas ist, das wir erleben oder das wir uns vorstellen können. Das scheint für den Begriff davon, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, Schwierigkeiten zu bereiten. Wir müssen überlegen, ob uns irgendeine Methode erlauben wird, das Innenleben der Fledermaus aus unserem eigenen Fall zu erschließen, und falls nicht, welche alternativen Methoden es geben mag, um sich davon einen Begriff zu machen.

Unsere eigene Erfahrung liefert die grundlegenden Bestandteile für unsere Phantasie, deren Spielraum deswegen beschränkt ist. Es wird nicht helfen, sich vorzustellen, daß man Fluggeräte an den Armen hätte, die einen befähigen, bei Einbruch der Dunkelheit und im Morgengrauen herumzufliegen, während man mit dem Mund Insekten finge; daß man ein schwaches Sehvermögen hätte und die Umwelt mit einem System reflektierter akustischer Signale aus Hochfrequenzbereichen wahrnähme; und daß man den Tag an den Füßen hängend in einer Dachkammer verbrächte. Insoweit ich mir dies vorstellen kann (was nicht sehr weit ist), sagt es mir nur, wie es für mich wäre, mich so zu verhalten, wie sich eine Fledermaus verhält. Das aber ist nicht die Frage. Ich möchte wissen, wie es für eine Fledermaus ist, eine Fledermaus zu sein. Wenn ich mir jedoch dies nur vorzustellen versuche, bin ich auf die Ressourcen meines eigenen Bewusstseins eingeschränkt, und diese Ressourcen sind für das Vorhaben unzulänglich. Ich kann es weder ausführen, indem ich mir etwas zu meiner gegenwärtigen Erfahrung hinzudenke, noch indem ich vorstelle, Ausschnitte würden davon schrittweise weggenommen, noch indem ich mir Kombinationen aus Hinzufügungen, Wegnahmen und Veränderungen ausmale.

Bis zu dem Grade, in dem ich mich wie eine Wespe oder eine Fledermaus verhalten kann, ohne meine grundlegende Gestalt zu verändern, würden meine Erlebnisse gar nicht wie die Erlebnisse dieser Tiere sein. Auf der anderen Seite ist es zweifelhaft, ob der Annahme, ich besäße die innere physiologische Konstitution einer Fledermaus, irgendeine Bedeutung gegeben werden kann. Selbst wenn ich schrittweise in eine Fledermaus verwandelt werden könnte, könnte ich mir in meiner gegenwärtigen Konstitution überhaupt nicht vorstellen, wie die Erlebnisse in einem solchen zukünftigen Stadium meiner Verwandlung beschaffen wären. Die besten Indizien würden von den Erlebnissen von Fledermäusen kommen, wenn wir nur wüßten, wie sie beschaffen sind. […] Das Problem ist jedoch nicht nur auf exotische Fälle beschränkt; es besteht nämlich auch zwischen zwei Personen. Der subjektive Charakter der Erfahrung einer z.B. von Geburt an tauben und blinden Person ist mir nicht zugänglich, und wahrscheinlich ihr auch der meinige nicht […].” (Nagel, Thomas: Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?, in: Bieri, Peter: Analytische Philosophie des Geistes, Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 2007, S. 263-265.)

Was für Fledermäuse gilt, gilt aber nicht nur für Kühe, Korallen und Menschen, die von Geburt an taub und blind sind. Denn auch die Frage nämlich, wie es ist, der Verfasser dieser Kolumne zu sein, kann weder von meinem Nachbarn noch von einem Wissenschaftler noch von irgendjemand anderem vollständig eingesehen werden, sondern ausschließlich vom Verfasser dieser Kolumne selbst. Auch wenn sich z. B. ein Wissenschaftler in meine Erlebnisperspektive hineinversetzen kann und sich vorstellen kann, wie es ist, der Verfasser dieser Kolumne zu sein, so kann er dies dennoch nur aus seiner Perspektive, und diese Perspektive ist mit der meinen nicht identisch, oder anders formuliert, sie ist von meiner zu jedem Zeitpunkt um eine Nuance verschieden. Dass es jemals einen Zeitpunkt geben könnte, an dem die Perspektive des Wissenschaftlers mit meiner Perspektive identisch ist, ist unmöglich, denn gäbe es einen solchen Zeitpunkt, so wäre dieser Wissenschaftler ich. Dann allerdings würde er nicht erleben, wie es ist ich zu sein, sondern lediglich wie es ist, er selbst zu sein. Damit wäre aber nichts erreicht.

Natürlich können wir uns darum bemühen, die Sichtweisen anderer Lebewesen einzunehmen, ihnen sozusagen näher zu kommen, um etwa ein besseres Verständnis davon zu entwickeln, welchen Einfluss unser Handeln auf ihr Erleben hat. Doch dies kann nur in einem übertragenen Sinn gemeint sein, denn ihre Sichtweise wirklich einzunehmen ist aus erkenntnislogischen, und letztlich auch ontologischen, Gründen ganz und gar unmöglich.

Autor: Bernd Waß
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05.10.2016: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Zerstörung, Tod und in letzter, tiefster Verzweiflung Flucht

Syrien, Boko Haram, Islamischer Staat, Terror in Frankreich, Brüssel und im Rest der Welt: Der Krieg — nicht zuletzt der Krieg um eine neue Weltordnung — geht mit unverminderter Härte weiter. Unter der billigenden, taktierenden, eingreifenden Hand der Großmächte wird Völkerrecht gebrochen und Völkermord begangen: Zerstörung, Tod und in letzter, tiefster Verzweiflung Flucht. Und die Europäische Union? Ein wohlständiges, hoch technisiertes und akademisiertes Konglomerat aus wohlständigen, hoch technisierten und akademisierten Nationalstaaten erstarrt, wird gar zum Spielball billiger, rechter Propaganda. Da hätten wir als vereintes Europa zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg die Gelegenheit Größe zu zeigen, unserer humanitären Pflicht nachzukommen, stattdessen: Zäune, Internierungslager, Chaos.

Die Philosophin Hannah Arendt veröffentlichte 1943 ein Essay mit dem Titel We Refugees. Darin zeichnet sie die Lebensgeschichte des Herrn Cohn nach, der sich als jüdischer Flüchtling mit äußerster Anstrengung bemüht, mit den Menschen seiner neuen »Heimat« zu assimilieren. Doch letztlich, so Arendt, müssen alle Anstrengungen eines Flüchtlings zu jenen zu gehören, die ihn nicht haben wollen, erfolglos bleiben. Als Staatenloser ist er rechtlos und vogelfrei. Am Ende seines Weges muss sich Herr Cohn eingestehen: Das Glück des Lebens kann man nicht zweimal finden.

Wie wenig hat sich doch geändert, trotz aller Bildung, allen technischen und wirtschaftlichen Fortschritts. Wie schnell zücken wir auch heute das Schwert des Vorurteils und stellen uns — die Anhörung vergessend — zum Tribunal der Verurteilung zusammen. Wie fragil ist das Gebäude der überlegenden Vernunft und wie schnell bricht es unter der Last der Propaganda in sich zusammen. Schauderhaft. Vielleicht vermag es ja die Kunst, die Poesie oder die Dichtung, die dunkle Nacht unserer Zeit zu erhellen. Ich zweifle. Dennoch: Ein Ruf der Besinnung von nirgendwo des großen Georg Danzer:

er spürt die sun in seine augen
er spürt den wind in seine haar
er riacht des wasser drunt am ufer
und alles is so nah und klar

er siecht die hügel und die felder
des grüne land in sein tram
was is von alledem no übrig
verbrannte erd, verkohlte bam

ka mensch verlaßt sei heimat ohne grund
ka mensch wü gern a fremder sei
und sei verzweiflung in der letzten stund
is stumm wia a erstickter schrei

er spürt a grenzenlose panik
wie ana, der im fluß ertrinkt
umgeb'n von menschen, die nur zuschaun
um eam wird's schwarz und er versinkt

ka mensch geht freiwüllich so afoch fort
von dort, wo seine wurzeln san
ka mensch wü sterben an an fremden ort
verkauft, veraten und allan …

ka mensch verlaßt sei heimat ohne grund
ka mensch wü gern a fremder sei
und sei verzweiflung in der letzten stund
is stumm wia a erstickter schrei …

Autor: Bernd Waß
Diskussionsbeiträge bitte an: b.wass@academia philosophia.com

29.09.2016: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Das Märchen von der Gerechtigkeit – eine Hinzufügung

In der aktuellen Ausgabe der ZEIT, N°40/2016, findet sich eine Reportage mit dem Titel „Das Märchen von der Gerechtigkeit“. Doch statt von Gerechtigkeit ist von Ungleichheit die Rede, werden Fakten aufgewiesen, wie es um die Verteilung bestimmter Güter bestellt ist, dienen Arme und Reiche als Grenzpunkte einer Debatte. Philosophisch gesehen insofern unbefriedigend, als Gerechtigkeit und Ungleichheit zwei paar Schuhe sind: Sie stehen nicht zwingend zueinander im Widerspruch, und auch wenn man alles über die Ungleichheit weiß, so weiß man längst nicht alles über die Gerechtigkeit. Ich erlaube mir daher, im Sinne der Fruchtbarkeit der Debatte, eine Hinzufügung.

Die Frage nach der Gerechtigkeit ist zuallererst eine Aufforderung, uns eine genaue Vorstellung davon zu machen, wovon überhaupt die Rede ist. Das könnte sich als schwierig erweisen. Machen wir uns daher zunächst klar, wovon jedenfalls nicht die Rede ist: Es ist nicht die Rede von den Rechtssystemen. Wer sein Recht bekommt, der bekommt es nicht der Gerechtigkeit wegen, sondern der Übereinstimmung seiner persönlichen Interessen mit gültigen Gesetzen wegen. Gerechtigkeit ist nämlich zunächst keine Frage der Gesetzgebung, sondern der Moral. Zwar ist anzunehmen, dass eine Gesetzgebung letztlich die moralische Gerechtigkeitsauffassung einer Gesellschaft impliziert, doch Rechtsurteil und Gerechtigkeit sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Gerechtigkeit ist aber auch kein Naturphänomen. Die Natur als solche ist gleichermaßen gerechtigkeitsindifferent wie sie moralisch indifferent ist und weder Gerechtigkeit noch Moral sind in ihr zu finden. Der evolutionäre Übergang von dem einen Naturzustand in den anderen ist ein nicht-intentionales, nicht-teleologisches Geschehen, was von Gerechtigkeit und Moral zu behaupten hingegen falsch wäre. Gerechtigkeit endlich ist auch keine Empfindung, weder eine äußere noch eine innere, nichts, was der Mannigfaltigkeit der Perzeption, der Affekte oder dem Kaleidoskop der Stimmungen und Sehnsüchte angehört. Würde sich die Gerechtigkeit lediglich in einer Art Gerechtigkeitsgefühl ausdrücken, so müsste das Projekt ‘Gerechtigkeit’ von vornherein als gescheitert betrachtet werden. Aus der Nicht-Identität der Subjekte folgt nämlich die radikale Verschiedenheit ihrer Empfindungen und weil es keine Brücke gebe, um die Kluft zwischen den subjektiven Empfindungszusammenhängen zu überwinden, bliebe die Frage nach der Gerechtigkeit im Dunklen. Es geht also nicht darum, was der einzelne für gerecht hält, sondern was vernünftigerweise gerecht ist. Wenn aber die Gerechtigkeit weder Recht, noch Naturphänomen und auch nicht Empfindung ist, was ist sie dann? Schlechthin ein Gedankenwesen! Gerechtigkeit ist eine Sache des Denkens, eine Gestalt der Vernunft, allein vom menschlichen Geist hervorgebracht. Denn: Ihr Modus Operandi ist der Vergleich — das Erkennen von Gleichheit oder Verschiedenheit. Ohne Zweifel: Wer von Gerechtigkeit spricht, der vergleicht. Jeder Vergleich aber bedarf eines Prinzips, um das miteinander Verglichene in die richtige Ordnung zu bringen und dieses Ordnen der Welt nach Prinzipien, ist das Geschäft der Vernunft. Wer also nach Gerechtigkeit fragt, der muss nach einem Prinzip derselben Ausschau halten; der muss sich fragen: Wer schuldet in welchen Umständen wem was, auf welche Weise, warum, aus welcher Perspektive, aufgrund welchen Maßstabs und mit welcher Anwendung? Fragen der Gerechtigkeit betreffen also mindestens folgende Dimensionen: (1) die Umstände, (2) die Objekte, (3) die Subjekte, (4) den Umfang, (5) die Begründungsperspektive, (6) die Gründe, (7) die Arten und (8) die Maßstäbe der Gerechtigkeit.

Beginnen wir bei den Umständen der Gerechtigkeit. Sie legen fest unter welchen sozialen Bedingungen Gerechtigkeit überhaupt erst erforderlich ist. Der berühmte schottische Philosoph David Hume charakterisierte die Umstände der Gerechtigkeit wegweisend durch zwei Bedingungen: gemäßigte Knappheit und konkurrierende Ansprüche. Nur wenn es konkurrierende Ansprüche auf knappe Güter gibt, wird eine gerechte Lösung bei ihrer Verteilung verlangt. Bei Überfluss können alle Wünsche erfüllt werden und bei extremer Knappheit ist zweifelhaft, ob es überhaupt eine gerechte Lösung geben kann.

Von den Umständen der Gerechtigkeit zu den Objekten der Gerechtigkeit. Mit den Objekten der Gerechtigkeit sind zunächst nicht die Güter gemeint, die es zu verteilen gilt, sondern wesentlich die Frage, wer oder was als gerecht bzw. ungerecht bezeichnet werden kann. Das kann nämlich vieles sein: Personen, deren Handlungen, Verhaltensweisen, Einstellungen und Charaktere ebenso, wie ihre Urteile, Einschätzungen und Wertungen. Darüber hinaus können Verfahren, Normen, soziale Institutionen, politische Zustände, Staaten, Wirtschaftssysteme, Gesellschaftsordnungen und internationale Beziehungen gerecht oder ungerecht genannt werden. Aber auch auf Sportwettkämpfe, Bewerbungsverfahren oder gar auf den Verlauf eines ganzen menschlichen Lebens lassen sich die Prädikate ‘gerecht’ und ‘ungerecht’ sinnvoll anwenden. Man muss also klären, worüber man redet. Es macht einen Unterschied, ob man Gerechtigkeit z. B. im Hinblick auf ein Bewerbungsverfahren diskutiert oder im Hinblick auf politische Zustände.

Noch interessanter als die Objekte, sind die Subjekte der Gerechtigkeit. Mit der Frage nach den Subjekten der Gerechtigkeit werden wir nämlich auf uns selbst zurückgeworfen. Gerechtigkeit bezieht sich, jedenfalls verantwortungstheoretisch betrachtet, ausschließlich auf Personen, nicht auf Staaten, nicht auf Gesellschaften, nicht auf Organisationen. Demgemäß sind primär wir es, die für die Gerechtigkeit in der Welt moralisch verantwortlich sind. Wir sind es, die ihr Vorschub leisten, sie vernachlässigen oder sie verhindern.

Kommen wir zum Umfang der Gerechtigkeit: Spätestens hier erhitzen sich die Gemüter. Es stellt sich nämlich die Frage, wem gegenüber prinzipiell Gerechtigkeit geschuldet wird, und damit die Frage, ob Gerechtigkeit global und grenzenlos gedacht werden muss, oder aus begrifflichen, normativen oder vielleicht pragmatischen Gründen eher nur lokal, in einer Gemeinschaft oder einer staatlich verfassten Gesellschaft zu verorten ist. Partikularisten vertreten die Auffassung, dass Gerechtigkeit stets an einen konkreten Kontext gebunden ist – an eine kulturelle Gemeinschaft, und zwar schlichtweg deshalb, weil es eine besondere, enge moralische Bindung innerhalb von Gemeinschaften gibt. Universalisten wiederum vertreten die Auffassung, dass jeder Partikularismus schon alleine deshalb verworfen werden muss, weil er jedenfalls dem Artikel 1 der Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen widerspricht. Dort heißt es nämlich: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Wissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“ 

Eine Frage, die uns unmittelbar zur Begründungsperspektive der Gerechtigkeit führt. Wir halten uns an Regeln gemeinhin nur solange, solange sie uns als gerechtfertigt, d.h begründet erscheinen. Ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist die Perspektive der Unparteilichkeit. Die Regeln müssen nicht nur unparteiisch angewendet, sondern auch unparteiisch begründet werden. Mit anderen Worten: Die Gründe dafür, dass diese Regeln gelten und nicht andere, dürfen nicht auf den Eigeninteressen derer ruhen, die sie zu begründen suchen. Ein Gerechtigkeitsbegriff der auf Parteilichkeit beruht, ist von vornherein, weil in sich widersprüchlich, wertlos.

Von der Begründungsperspektive der Gerechtigkeit ist es nicht mehr weit zu den Gründen der Gerechtigkeit. Warum sollen wir überhaupt gerecht sein? Gibt es wirklich gute Gründe dafür oder wäre es nicht vernünftiger, würde jeder seinen eigenen Vorteil zu verwirklichen suchen? Im Verlauf der philosophischen Gerechtigkeitsdebatte der letzten zweieinhalbtausend Jahre wurde eine ganze Reihe von Gründen ins Feld geführt, die für die Gerechtigkeit als Handlungsmaxime sprechen. Sie lassen sich im wesentlichen in zwei Klassen einteilen: In die Klasse der Gründe, die den wechselseitigen Vorteil aller beteiligten hervorheben und in die Klasse der Gründe, die ein Recht auf Gerechtigkeit voraussetzen. Unabhängig davon, welche Klasse von Gründen bevorzugt wird, wer Gerechtigkeit einfordert, der muss in letzter Konsequenz gute Gründe dafür haben.

Nun zum vorletzten Punkt, zu den Arten der Gerechtigkeit. Man unterscheidet zwischen Ausgleichsgerechtigkeit, Verfahrensgerechtigkeit und Verteilungsgerechtigkeit. Vor allem die Verteilungsgerechtigkeit ist es, die mit Blick auf die aktuellen, nationalen wie globalen Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft, und durchaus unter Rückgriff auf die politischen Zuständigkeiten, von zentraler Bedeutung ist. Gerechtigkeit in diesem Sinn bezieht sich nämlich auf die Regelung zwischenmenschlicher Konflikte bei der Verteilung von Gütern bzw. Vorteilen und Lasten des sozialen Zusammenlebens.

Womit wir bei der letzten Dimension angekommen wären, bei der Frage nach den Maßstäben der Gerechtigkeit, mithin den Maßstäben der Verteilung. Sie sind der Kern einer jeden Gerechtigkeitskonzeption. Alle modernen Konzeptionen haben ein gemeinsames Fundament: Die prinzipielle Gleichwertigkeit aller Menschen. Unterschiede in den Konzeptionen ergeben sich lediglich durch verschiedene Auffassungen über das Gerechte unter Gleichen. Bei der Verteilung von Gütern und Lasten etwa gilt ein Verteilungszustand als gerecht, wenn es eine Lösung des Problems der Verteilung gibt, die gerechtfertigt werden kann, und sich die Güter und Lasten theoretisch in einem eigentumsfreien Zustand befinden. Außerdem müssen Sie von jedem als Gut begehrt oder als Last gemieden werden. Eine der wichtigsten Konzeptionen stammt vom Philosophen John Rawls. Rawls ist etwa der Auffassung, dass z.B. Einkommen und Vermögen prinzipiell gleich zu verteilen ist, es sei denn, eine ungleiche Verteilung gereicht allen, auch den Schlechtestgestellten, zum Vorteil. Darüber hinaus hat Rawls einen Aspekt der Gerechtigkeit formuliert, der bis dahin weder gesehen noch diskutiert wurde. Dass wir Maßstäbe brauchen, um Güter und Lasten einer Gesellschaft gerecht zu verteilen ist eine Sache; dass es aber darauf ankommt, dass wir sie auf gerechte Weise hervorbringen, eine ganz andere. Nur solche Maßstäbe nämlich sind brauchbar, die unter gerechten Ausgangsbedingungen zustande kommen. Alle anderen sind qua Gerechtigkeit von vornherein unbrauchbar.

Autor: Bernd Waß
Diskussionsbeiträge bitte an: b.wass@academia philosophia.com

22.09.2016: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Was bleibt vom Geist?

Mit dem Human Brain Projekt initiierte die Europäische Union das wohl größte interdisziplinäre Forschungsprojekt der bisherigen europäischen Wissenschaftsgeschichte. Sage und schreibe eine Milliarde Euro fließt auf diese Weise in die Aufklärung der komplexen Mechanismen des menschlichen Gehirns. Befragt man führende Hirnforscher, wie etwa Wolf Singer, so leitet die Hirnforschung derzeit, nicht zuletzt ob ihrer großen Fortschritte, einen Paradigmenwechsel ein. In einem aktuellen Interview mit der Tageszeitung DerStandard sagt Singer: „Wir begreifen immer mehr, dass das Gehirn ein sich selbst organisierendes komplexes System ist. Eine hochgradig nichtlineare Dynamik bereitet all unsere mentalen Prozesse vor — einschließlich der Inhalte, die uns gar nicht ins Bewusstsein kommen. Wir können nicht davon ausgehen, dass es irgendwo im Gehirn eine federführende Instanz gibt, die für uns die Zukunft plant oder Entscheidungen fällt, vielmehr organisieren sich diese Prozesse selbst. Auf wundersame Weise finden Sie zu koordiniertem Verhalten. Das scheint der Weisheit letzter Schluss zu sein – das ist etwas, woran man sich erst einmal gewöhnen muss.“

Seit fast zehn Jahren beschäftige ich mich nun aus philosophischer Perspektive mit der Frage nach dem Verhältnis von Gehirn und Geist. Anlässlich des Singer-Interviews stelle ich in dieser Ausgabe meiner Kolumne wieder einmal die Frage: Was bleibt vom Geist?

Die meisten Neurowissenschaftler und Philosophen, die sich zum Verhältnis von Gehirn und Geist äußern, vertreten heute die Ansicht, geistige Phänomene, wie z. B. Bewusstsein, Wahrnehmungen, Empfindungen, Gefühle oder Gedanken, seien in letzter Konsequenz nichts anderes als Hirnvorgänge. Dementsprechend wird behauptet, wir seien „nichts weiter als ein Haufen Neurone“ (Crick, F. H.: Was die Seele wirklich ist, 1994). Man ist der Auffassung, dass einer vollständigen Erklärung unseres Gehirns, eine vollständige Erklärung unseres geistigen, mentalen oder seelischen Lebens inhärent ist. Mit anderen Worten: Wenn die Geschichte des Gehirns erzählt ist, dann ist auch die Geschichte des menschlichen Geistes erzählt. Es gibt nichts, was über die neuronalen Prozesse in unserem Gehirn hinausreicht und nicht im Prinzip in der Sprache der Physik erklärbar wäre. Alle geistigen Phänomene sind dieser Auffassung nach vollständig auf Hirnvorgänge reduzierbar. Sie sind keine echten Bausteine der Wirklichkeit, die eine eigene kausale Rolle spielen würden oder sich einer physikalischen »Vermessung« entzögen. Die Gesamtheit der konkreten Realität erschöpft sich in den von der Physik angenommenen Elementarteilen oder in Aggregaten solcher Teilchen. Einen von allen physischen Dingen verschiedenen nicht-physischen Geist gibt es nicht. Man nennt diese Position auch Physikalismus. Der Physikalismus gilt heute als die offizielle Doktrin, ja er sieht sich als die einzig rationale Position zum Verhältnis von Gehirn und Geist. Aber ist der Physikalismus wahr? Sind wir wirklich nur unser Gehirn? Sind geistige, mentale oder seelische Phänomene tatsächlich nichts anderes als Hirnvorgänge? Ich vertrete die Auffassung, dass der Physikalismus mit ziemlicher Sicherheit falsch ist. Er scheitert an einer Reihe von Argumenten, die allesamt zeigen, dass sich nicht alle geistigen Phänomene vollständig auf Hirnvorgänge reduzieren lassen. Die Sphäre des Geistigen greift über ihre neuronale Basis irreduzibel hinaus. Das ist auch der Grund, weshalb die Rede vom Gehirn, im Sinne einer ausschließlich physikalischen Erklärung von uns selbst, wie sie derzeit vor allem in der Neurobiologie Mode ist, wesentlich zu kurz greift. Wenn in deren Gefolge seitenweise von gehirngerechtem Lernen, gehirngerechtem Arbeiten, gehirngerechtem Marketing oder wovon sonst noch allem zu lesen ist, sozusagen als gralsheilige Antwort auf die Probleme moderner Gesellschaften, so ist der Applaus verfrüht. Es kann sich hierbei nämlich nur um eine vernunftlose Sicht der Dinge handeln, in der die philosophischen Probleme weithin übersehen oder nicht für wichtig gehalten werden. Das zeigt sich schon allein am sogenannten mereologischen Fehlschluss. Ein solcher Fehlschluss besteht darin, dass die Eigenschaften eines Ganzen mit den Eigenschaften seiner Teile verwechselt werden — und umgekehrt. Typische Beispiele sind die folgenden. Man sagt etwa so: „Lange bevor wir unsere Willensakte bewusst erleben, hat das Gehirn in seinen motorischen Regionen bereits entschieden, was wir als nächstes tun werden.’; ‘Das visuelle System sieht Farben, erkennt Kanten und Oberflächentexturen und verschmilzt sie dann zu den Gegenständen, welche wir bewusst wahrnehmen’ oder ‘Das Gehirn entwickelt eine ganz eigene Perspektive auf die Wirklichkeit, indem es autobiographische Erinnerungen aktiviert und diese mit seinen fortlaufenden kognitiven Prozessen verknüpft’“ (Metzinger, Thomas: Das Leib-Seele-Problem, 2007). Warum sind solche Aussagen logischer Unsinn? „Das Gehirn denkt nicht, der Mensch als Ganzer denkt. Das Gehirn besitzt auch kein autobiographisches Gedächtnis, denn es hat überhaupt keine Autobiographie, kein eigenes Leben — dies hat nur der Organismus als Ganzer. Das Gehirn interpretiert nichts und es hat auch keine eigene Perspektive. Ein Gehirn ist kein Agent, kein Handlungssubjekt, sondern einfach ein selbstorganisiertes dynamisches System [als Teil eines komplexen Ganzen]. Es ist deshalb auch logischer Unsinn, wenn man sagt, dass bestimmte Teile des motorischen Systems »handeln« oder »Entscheidungen fällen«, oder dass bestimmte sensorische Areale Farben »sehen«, Kanten »erkennen« oder einen Schmerz »empfinden«“ (a. a. O.) Man muss also genau darauf achten, was hier verhandelt wird, ehe man applaudiert. Natürlich muss auch die Philosophie die Kirche im Dorf lassen. Dass alle geistigen Phänomene radikal von Hirnprozessen abhängig sind, dass es sie ohne eine funktionierende Hirnphysiologie nicht gibt, das ist ein Befund der Hirnforschung, den man nicht sinnvoll leugnen kann. Darum geht es aber auch nicht. Worum es geht, sind die (metaphysischen) Schlussfolgerungen, die aus diesem Befund gezogen werden. Sie bergen eine Reihe von Ungereimtheiten in sich, die man nicht einfach als philosophische Haarspaltereien abtun oder verachtungsvoll vom Tisch wischen kann.

Weiterführende Texte finden Sie in der Rubrik “Publikationen”:
Das Leib-Seele-Problem und die Metaphysik des Materiellen
Sind wir wirklich nur unser Gehirn?

Autor: Bernd Waß
Diskussionsbeiträge bitte an: b.wass@academia philosophia.com

20.09.2016: Philosophische Gespräche, Band 2

Gemeinsam mit dem Philosophen Heinz Palasser verfasst, ist dieser Tage der zweite Band der philosophischen Gespräche erschienen. Ein Buch mit philosophischen Kurztexten und Aufsätzen, die entweder einen pointierten Kommentar beinhalten, um das Nachdenken zu inspirieren, oder die der Ein- bzw. Hinführung zu einem bestimmten Thema dienen. Im vorliegenden Band 2 finden sich Texte zu folgenden Themen: „Sprache und Denken“, „Leben, Sterben und Tod“, „Gerechtigkeit“, „Freundschaft“ „Kunst“, „Gehirn und Geist” und „Zeit“.

Erhältlich als Paperback, Hardcover und E-Book, im Buchhandel oder direkt im tredition Verlag.

15.09.2016: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Können wir uns das leisten?

Warum eigentlich sollen Millionen Euro in akademische Disziplinen fließen, die augenscheinlich kaum oder gar nicht dazu in der Lage sind Nutzen zu stiften?

Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, es handle sich um eine ganz simple Frage der Ökonomie. Können wir uns das leisten, in Zeiten wie diesen? Doch in Wirklichkeit ist uns eine tief greifende, fundamentale Frage über die Zukunft unserer Gesellschaft vorgelegt. Die Antwort, die wir uns geben, bestimmt nämlich die Richtung, in die wir gehen: Denn entweder errichten wir eine Diktatur des Nutzens und der Gewinnmaximierung oder wir arbeiten am Pluralismus der Bildung; entweder werden wir eines Tages zu fremdbestimmten, selbstkonsumierenden Produktherstellern und Geschäftemachern verkommen oder wir verwirklichen das große humanistische Ziel der Aufklärung – die Ausbildung freier, autonomer, zum selbstständigen Gebrauch ihrer Vernunft fähigen und davon geleiteten Individuen.

Hört man sich um, so scheint die Antwort eindeutig: Universitäten, am besten gleich die öffentliche Hand als solche, müsse man führen wie Unternehmen. Nur auf diese Weise wäre der gewünschte Output zu erzielen und hätte der verschwenderische, ja geradezu unverantwortliche Umgang mit dem Geld der Steuerzahler ein Ende, so tönt es. Nun gut. Führen wir Universitäten wie Unternehmen: Durchforsten wir sie bis in die kleinsten Winkel; evaluieren wir das Verhältnis von Aufwand und Gewinn, entwickeln wir Effizienzprogramme, setzen wir Produktivitätsmaßnahmen auf, laden wir eine Reihe von Unternehmensberatern ein — freilich nur die besten — und lassen uns erklären, was zu tun wäre, um endlich erfolgreich zu sein; bewerten wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und trennen uns von allen, die zwar in höchstem Maße gebildet, aber nichtsdestoweniger zu alt, zu teuer, zu wenig leistungsfähig und zu unflexibel sind, um den Anforderungen unseres modernen Universitätsunternehmens gerecht zu werden; führen wir Managementseminare für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein und geben wir Zielvereinbarungen aus. Kurz gesagt: tun wir alles, um erfolgreich zu sein und eliminieren wir alles, was nichts Verwertbares, Umsetzbares, für den Konsumenten, den Bürger unmittelbar Relevantes, augenscheinlich Nützliches, unsere Investoren bei Laune Haltendes, Gewinnmaximierendes, unser Wachstum Förderndes und Macht und Einfluss Vergrößerndes hervorbringt. Produktivität, wohin das Auge schaut. Mediziner, Molekularbiologen, Computerleute, Betriebswirtschafter, Juristen und Techniker arbeiten an der Entwicklung nützlicher und damit gewinnträchtiger Produkte und übernehmen die Ausbildung der jungen Erwachsenen, damit selbige, möglichst rasch in der Lage sind, ebenfalls an der Entwicklung nützlicher und damit gewinnträchtiger Produkte zu arbeiten. Was wäre das für eine Universität! Applaus! Wer braucht schon Philosophen, Philologen, Germanisten, Historiker, Archäologen und dergleichen nutzlose Gelehrte?

Erst viel später, wenn wir eine Gesellschaft aus abgestumpften, geistig amputierten, fremdbestimmten und rund um die Uhr konsumierenden Produktherstellern und Geschäftemachern sind, werden wir, sofern wir überhaupt noch dazu in der Lage sind, erkennen, womit wir es zu tun haben, wird uns das Ausmaß der Tragödie gewahr werden. Und wenn die Revolution gelingt, führen wir dereinst wieder ein, was wir einst aufgegeben haben und für ein gelingendes Leben doch von fundamentaler Bedeutung ist: Literatur, Kunst, Theater, Dichtung, Poesie, Philosophie, Geschichte usf. Mithin: Räume des Denkens, der geistigen und philosophischen Tätigkeit, abseits trivialer Nutzenmaximierung und der unerträglichen Forderung nach Praxistauglichkeit.

Autor: Bernd Waß
Diskussionsbeiträge bitte an: b.wass@academia philosophia.com

  • Diskussionsbeitrag von Dr. Peter Gungl, Mediziner
    Nachdem ich aus den Naturwissenschaften komme, aus diesen ein kleiner Gedankensplitter zum Thema, ob wir uns Orchideenfächer, nicht primär dem shareholder value dienende, universitäre „Hirnwixereien“ leisten können. Wir müssen sie uns leisten. Wenn wir die Natur betrachten, so erkennen wir, dass sie eine überbordende Vielfalt von Varianten, einen Reichtum an Formen und Farben, eine riesige Palette an Ritualen und Verhalten entwickelt hat, die Energie und Ressourcen verschlingen und von denen Darwin vermutet hat, dass sie irgendwie der Fortpflanzung dienen. Aber mit Verlaub: ein roter Fleck um die Genitalien täts auch. Aber Variantenreichtum macht flexibel für sich verändernde Umweltbedingungen. Und wenn wir einer Tatsache gewiss sein können, dann dieser: Die Welt verändert sich. Sie verändert sich oft nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten (Prognosen sind unsicher, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen, haha), und wir tun gut daran, einen Pool an Wissen, Ideen, Phantasien in petto zu haben, um in einer sich verändernden Welt bestehen zu können. Und wenn man die neueste Publikation des Club of Rome nur ansatzweise ernst nimmt, benötigen wir viele neue Ideen, um dem „neoliberal brainwash“ Paroli bieten zu können. Denken wir weiter!

  • Diskussionsbeitrag von Dr. Robert Schein
    Ich glaube, dass jemand, der sich für eine oder mehrere von Ihnen angeführten Disziplinen (Philosophie, Literatur, Musik, etc …) interessiert, Ihnen keinesfalls widersprechen wird. Ihr zeitdiagnostischer Gedankensplitter beschreibt nicht allein eine Option sondern bereits eine Entwicklung, inmitten welcher wir uns bereits befinden. Ihre Klage findet auch bei mir explizit Resonanz. Die besondere Herausforderung, ja Schwierigkeit, besteht meines Erachten darin, diese Klage den Verantwortungsträgern erschließbar zu machen. Es besteht ja so etwas wie eine Schieflage im Horizontspektrum. Ich meine damit folgendes: Jemandem die Bedeutung und das Potential von Philosophie(n) verständlich zu machen, der selbst nie etwas auch nur in Ansätzen damit zu tun hatte, scheint ein aporetisches Unterfangen. Jemandem beispielsweise die bildungsrelevante Fülle eines ausgezeichneten Lateinunterrichtes zu verdeutlichen, der, neben dem Sprachelernen, ein darüber hinausgehendes Verständnis einer ganzen Kultur, deren Einflüsse noch in die Gegenwart herüberleuchten, zu vermitteln vermag, macht mutlos angesichts eines stumpfen binären Logikbewußtseins, das nur an der Unterscheidung von toten und lebenden Sprachen klebt.
    „Verstehen“ bedeutet ganz grundlegend eine vorhandene Differenz zunächst festzustellen und durch Horizonterweiterung zu verringern. Somit ist rationales – oder sagen wir im philosophischen Sinn – vernünftiges Denken niemals bloß starr standpunktverhaftet. Es bedarf also einer Horizonterweiterung. Demnach wäre es auch die Aufklärungsleistung der Philosophie, eben dies zu ermöglichen, d. h. in solchen Diskussionen ihr Selbstverständnis und ihre Verantwortung einer Gesellschaft gegenüber in die Waagschale zu werfen. Und hier scheiden sich schon wieder die Geister, denn es gilt auch bei manchen Philosophen, zumal Fachphilosophen, als wenig schicklich, sich öffentlichen Themen gegenüber auszusetzen. Jene, die das tun – und man mag zu ihnen stehen wie man will – werden zumeist unter Aufbietung eines großen rhetorischen, wenngleich nicht substanziell inhaltlichen, Aufwands öffentlich diffamiert. So werden Texte nach vermeintlich politisch unkorrekten Termini gescannt und dieses Teilsurrogat für das Ganze gehalten. Inhalte werden in selektiver Lektüreabsicht umgelogen. Ungedeckt Gedanken öffentlich zirkulieren zu lassen, gedankliche Versuchsanordnungen in einem zum öffentlichen Schablonenverständnis quer stehenden Setting auszuprobieren, stellen angesichts der Anfeindungen, denen dann Schriftsteller wie Sloterdijk, Safranski, Zizek etc. etc. ausgesetzt sind, ein persönliches Wagnis dar. Wenn man unter dem Begriff der Aufklärung – abseits Kants – einmal jene Variante der französischen Enzyklopädisten versteht, dann besteht gerade dort der Anspruch, nicht nur das Wissen der Zeit zu sammeln, sondern vor allem dieses Wissen dem Gemeinwesen verfügbar zu machen. Ein Dilemma heutzutage besteht ja auch darin, dass das Wissen in den verschiedenen Experten-Communities verbleibt und seinen Weg gerade nicht nach aussen findet. Wobei mir persönlich der Ausdruck Problembewusstein lieber ist, da das Wort Wissen, dessen Bedeutung so sehr nach abholbaren, handlich portionierten Weisheitspaketen klingt, mit meinem Philosophieverständnis wenig zu tun hat.

13.09.2016: Leben, Sterben und Tod

Leben, Sterben und Tod — das sind insgesamt die Ecksteine, die unserem Dasein einen nicht verhandelbaren Rahmen geben. Das ist den meisten Menschen einigermaßen einsichtig. Lediglich der Umgang mit diesem Faktum der eigenen Existenz ist subjektiv verschieden. Stellt sich also zunächst die Frage, welchen Beitrag die Philosophie in einer Angelegenheit zu Leisten imstande ist, die vermeintlich hochgradig den Einzelnen betrifft; in der es nicht so leicht vorstellbar ist, dass hier auch allgemeine Prinzipien von besonderer Relevanz sein könnten. Doch ohne Zweifel: Leben, Sterben und Tod waren immer schon Gegenstände philosophischer Reflexion.

In einem 2013 entstanden Text beleuchte ich anthropologische, ethische und metaphysische Dimensionen von Leben, Sterben und Tod. Den Text finden Sie in den Publikationen, alphabetische sortiert unter “L”.

02.09.2016: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Der Fall des Homo sapiens sapiens

Der rasante Aufstieg des Homo sapiens sapiens, des modernen, über die Maßen verständigen, verstehenden und klugen Menschen, mag viele Gründe haben. Doch von überragender Bedeutung sind ohne Zweifel die Ausbildung und der Gebrauch einer immer differenzierteren Sprache. Sie dient nicht nur der Verständigung der Individuen untereinander, ist nicht nur die fundamentale Voraussetzung für alle, auf komplexe Kooperation fußenden großen gesellschaftlichen Funktionsbereiche wie Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, sondern ist eine schlechthin unverzichtbare Grundlage des Denkens. Sprache ist nicht nur ein Mittel zum Ausdruck oder zur Mitteilung von Denkinhalten, sondern Denken und Sprechen bilden weithin eine Einheit. Das hat Leibniz lange vor Humboldt nachdrücklich betont. In §1 der Unvorgreiflichen Gedanken ist zu lesen: „Es ist bekannt, daß die Sprache ein Spiegel des Verstandes ist, und dass die Völker, wenn sie den Verstand hoch schwingen, auch zugleich die Sprache wohl ausüben“ (Unvorgreifliche Gedanken, 1697). „Mit ihr nämlich werden Verstand und Gelehrsamkeit, Wissenschaft und gemeine Wohlfahrt, ja Moralität und Freiheit befördert“ (Poser, Hans, Leibniz Philosophie, 2016, S. 132). Doch um die Sprache des »klugen Tiers«, ist es schlecht bestellt. Die neuen, revolutionären Kommunikationsmittel, die damit einhergehende, atemberaubende Geschwindigkeit der Datenübertragung, die Dynamisierung von Arbeitsprozessen und die Digitalisierung fast aller Lebensbereiche, fordern ihren Tribut. Um den sich auskristallisierenden Anforderungen gerecht zu werden, wird der Sprachgebrauch beschleunigt, die Sprache selbst dabei demontiert und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Kommuniziert wird in Wortfetzen, Abkürzungen und Emoticons; auf Rechtschreibung und Interpunktion wird verzichtet; die Regeln der Grammatik werden ohne Bedenken ignoriert; Kategorienfehler und fehlerhafte Begriffsanwendung stehen an der Tagesordnung. Untrügliche Indizien für die Ausbreitung dieses Analphabetismus des 21. Jahrhunderts sind Beiträge in diversen Blogs, Foren, sozialen Netzwerken und Videoportalen. Was man hier bisweilen zu lesen und zu hören bekommt, lässt einen am Intellekt von Homo sapiens sapiens, mithin an dessen Geisteskraft, zweifeln. Aber auch im täglichen E-Mail-Wahnsinn hat man den Anspruch auf wohlgeformte Sätze längst aufgegeben. Selbst an Hochschulen greift man immer häufiger zur ökonomisierten Verständigung in Halbsätzen. Doch dieser Art Verlust der Sprache hat — den Schluss von Leibniz umgekehrt — fatale Konsequenzen. Er führt nämlich zur Korrosion der Denkfähigkeit. Am Ende wird Homo sapiens sapiens nicht nur unfähig sein, semantisch folgerichtige und kohärente Denkgebäude aufzustellen, sondern ebenso unfähig selbst einfache Zusammenhänge zu erfassen, zu reflektieren und sich diesbezüglich systematisch zu äußern. Er wird daher auf primitive Formen der Verständigung zurückgreifen müssen und dies wird ihm zum Verhängnis werden. Was einst seinen Aufstieg markierte — die Ausbildung und der Gebrauch differenzierter Sprache — wird dereinst — wenn sie untergegangen ist — seinen Fall bedeuten. Da klingen die Worte Leibniz’ mahnend: Zur Erkenntnisbemühung des Einzelnen muss die Sprachpflege in der Gemeinschaft hinzutreten. Nur so ist eine Steigerung der Ausdrucksfähigkeit und damit zugleich der Erkenntnisfähigkeit möglich, und nur so lassen sich Verstand und Gelehrsamkeit, Wissenschaft und gemeine Wohlfahrt, ja Moralität und Freiheit befördern (Vgl. Poser, Hans, Leibniz Philosophie, 2016).

Autor: Bernd Waß
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Diskussionsbeiträge bitte an: b.wass@academia philosophia.com

  • Diskussionsbeitrag von Rudolf Friedl, Kunstschaffender
    Sehr geehrter Herr Dr. Wass! Ihre Besorgnis, daß die Sprache verarmt, teile ich durchaus. Ein langes Leben macht mich aber optimistisch! Die krampfhafte Vermeidung und Eindeutschung aller nicht deutschen Begriffe im unsäglichen dritten Reich, haben wir überstanden. Der absolute sprachliche Tiefpunkt, war der Ersatz des Wortes “Motor” durch “Zerknalltreibling”. In den 60er Jahren als man mittels Teleprinter exchange – Telex, kommunizierte, gab es wegen der Abrechnung in Anschlägen, gängige, heute vergessene Wortungetüme, oder Wortstummel. Mir ist noch “dringdrahten” in Erinnerung. Damit meinte man, gib rasch Antwort! Ein gut formuliertes Schreiben, eine gewählte Ansprache, die den Empfänger mit einer bildhaften Sprache erreicht, wird weiterhin geschätzt, ja oft bewundert. Wir werden auch die Internetstümmelsprache überstehen.

24.08.2016: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Moral ohne Gott?

In der Wochenzeitung DIE ZEIT findet sich in der aktuellen Ausgabe N◦35/2016 ein Artikel von Jürgen Krätzer, Literaturdidaktiker an der Universität Halle-Wittenberg, mit dem Titel Atheismus ist immer noch erlaubt! Es geht wieder einmal um den Alleinanspruch der Religionen auf das Hoheitsgebiet der Moral. Ohne Gott kein moralisches Handeln, so der Tenor. „Ein zentrales Argument der Religionsverteidiger lautet, dass ein Mensch, der sich keiner höheren Instanz verantwortlich fühle, für unmoralisches Handeln prädestiniert sei.“ Ich möchte den Argumenten Krätzers, gegen eine solche Auffassung, ein weiteres hinzufügen.

Eine Institution, deren Mitglieder deshalb moralisch gut sind, weil sie entweder die Rechtsprechung eines allmächtigen Gottes fürchten oder sich einen persönlichen Vorteil im Reich des Ewigen erhoffen, widerspricht sich in ihrem Anspruch auf Moralität selbst. Wer das moralisch Verbotene deshalb unterlässt, weil er Strafe vermeiden will und das moralisch Gebotene deshalb tut, um sich einen Vorteil zu verschaffen, handelt nicht im höchsten Grad moralisch, sondern geradezu unmoralisch. Eine Einsicht, die man seit Kant hätte gewinnen können. Nicht unsere Ängste und Hoffnungen geben unserem Handeln einen moralischen Wert, nicht seine Zwecke und ebenso wenig seine Konsequenzen, sondern ausschließlich die Maxime, nach der sie beschlossen werden. Was wäre das für eine eigenartige Moral, in der das Gute nicht ausschließlich des Guten wegen gewollt wird? „Es liegt also der moralische Wert der Handlung nicht in der Wirkung, die daraus erwartet wird, also auch nicht in irgendeinem Prinzip der Handlung, welches seinen Bewegungsgrund von dieser erwarteten Wirkung zu entlehnen bedarf. Denn alle diese Wirkungen konnten auch durch andere Ursachen zu Stande gebracht werden, und es brauchte also dazu nicht des Willens eines vernünftigen Wesens […]. Es kann daher nichts anderes als die Vorstellung des Gesetzes an sich selbst, die freilich nur im vernünftigen Wesen stattfindet, sofern sie, nicht aber die verhoffte Wirkung, der Bestimmungsgrund des Willens ist, das so vorzüglich Gute, welches wir sittlich nennen, ausmachen […]“ (Kant, Immanuel: Kritik der praktischen Vernunft, 1974, S. 27). Wovon hier die Rede ist, ist aber weder ein Gesetz Gottes noch ein Gesetz des Rechts, sondern eines, das alle Moral ins vernünftige Wesen selbst hinein verlegt. Und so heißt dann auch bei Kant: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde“ (a. a. o. S. 51). Es ist der berühmte kategorische Imperativ, der nicht nur das moralische Handeln ins rechte Licht rückt, sondern es darüber hinaus von aller metaphysischen Last befreit. Das hat einen großen Vorteil: Moral wird durch und durch zur Menschensache! Die Regeln, die wir uns geben, die allgemeinen Gesetze des Sollens, müssen wir selbst hervorbringen und wir müssen sie vor uns selbst verantworten. Wir können nichts delegieren. Das Wichtigste aber: Nur auf diese Weise können wir gut sein des Gutseins wegen. Denn erst, wenn es keine Instanz mehr gibt, deren Urteil auch nur den geringsten Einfluss auf unser Handeln auszuüben vermag, bietet sich uns prinzipiell die Chance, das Gute ausschließlich des Guten wegen zu wollen. Und ob wir sie ergreifen oder nicht, liegt wieder nur an uns. Die Absenz eines Gottes ist also nicht der Untergang der Moral, sondern geradezu ihre Voraussetzung.

Autor: Bernd Waß
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  • Diskussionsbeitrag von Dr. Jürgen Krätzer, Universität Halle
    Sehr geehrter Herr Dr. Waß, besten Dank – und ja, natürlich Kant, aber auch alle Utopie / Dystopie-Vorlagen bis hin zu Eggers haben da viel zu bieten. Leider war die Platzvorgabe sehr beschränkt. Schön, dass nun diese Ergänzung im Netz existiert.

20.08.2016: Auf den Spuren Thomas Bernhards

Ein Philosoph war Thomas Bernhard keiner. Ein höchst streitbarer Geist aber ganz bestimmt. Fast in der Manier eines Emil Cioran verletzte und verstörte er alles, was vielen noch immer als hoch und heilig gilt. Ohne Zweifel ein radikaler seines Fachs und einer der ganz wenigen österreichischen Schriftsteller, der es zu Weltgeltung gebracht hat. Weil nun mein lieber Freund Josef Stockinger nicht nur ein überaus reiches Bernhardwissen aufzuweisen hat, sondern zum großen Glück, neben dem Jugendfreund Bernhards, dem »Hippinger Hans«, auch noch mit seinem Halbbruder Peter Fabian bekannt ist, machen wir uns auf die Reise, diesem umstrittenen Charakter nachzuspüren.

Unser Weg führt uns zunächst nach Henndorf. Inmitten des Orts, unterhalb der Kirche, findet sich das »Häusel an der Tagerlenden«. Es ist das Geburtshaus Johannes Freumbichlers, Bernhards Großvater, dem er zeit seines Lebens eng verbunden bleibt. „Ein paar Schritte mit ihm, und ich war gerettet“, schreibt er in Ein Kind. Das 300 Jahre alte Haus wurde 2012 renoviert und ist seither Literaturhaus.

Es geht weiter zum Hof des Hippingerbauern nach Seekirchen. Noch heute trifft man dort den Jugendfreund Bernhards an, den »Hippinger Hansi«. Hier verbringt Bernhard, wie er später sagen wird, die glücklichste Zeit seines Lebens: „Hier war mein Paradies.“

Ein größerer Schlag bringt uns auf die »Krucka«, eine kleine Alm am Grasberg bei Gmunden. 1971 hat sie Bernhard vom Fuhrunternehmer Josef Schmid erworben. „Der Realitätenvermittler und also Grundstücksgeschäftemacher“ Karl Hennetmair, den Bernhard in seinem Roman Ja als Moritz auftreten lässt, hat sie ihm vermittelt. In einem 1989 erschienen Zeit-Artikel von Helmut Schödel, der Hennetmair in Salzburg trifft, um mit ihm nach Reindlmühl zu fahren — dem Einstieg in die Krucka —, ist zu lesen: „Vier Hektar gehören zum Haus, nach oben hin ist der Hochwald die Grenze und hier neben der Laubhütte wollte er damals begraben werden. Er habe gesagt: Da grabt’s mich einmal ein wie einen Hund“.

Von der Krucka zum Vierkanthof in Obernathal bei Ohlsdorf ist es ein Katzensprung. Dort treffen wir den Halbbruder Bernhards Peter Fabian. Wir besichtigen den Hof, die Wirtschaftsgebäude und auch die privaten Räumlichkeiten Bernhards. Doch zutiefst beeindruckend ist das Gespräch mit Fabian. Hier ist man Bernhard auf eine Weise nahe, die fast gespenstisch wirkt. Als wäre einer, der schon längst nicht mehr da ist, für einen kurzen Moment zurückgekehrt. Der Geist, dem wir nachzuspüren trachteten, hat sich immer weiter verdichtet und an dieser Endstation unserer Reise realisiert er sich nun in den Geschichten eines Mannes, der einer der letzten, noch lebenden ist, die zum engsten Familienkreis Bernhards gehören.

17.08.2016: Kolumne "Philosophisch gedacht"

Konrad Paul Liessmann und die Eröffnung der Salzburger Festspiele

“Wir leben in bewegten Zeiten: Terroranschläge, Amokläufe, ein dubioser Militärputsch in der Türkei, Brexit und die tiefe Krise der Europäischen Union, soziale Spannungen und Ängste allerorten, Kriege und Bürgerkriege, unzählige Menschen auf der Flucht und eine Kommunikationstechnik, die uns all dies hautnah, im Live-Stream erleben lässt. Nahezu reflexartig stellt sich die Frage, ob es überhaupt noch möglich ist, sich in solchen Zeiten ruhigen Gewissens dem Schönen und der Kunst, der Feier des ästhetischen Augenblicks und dem Genuss eines rauschenden Festes hinzugeben. Müsste nicht die Kunst selbst angesichts dieses Weltzustandes wenn nicht verstummen, so doch ihre Stimme in einem politischen Sinne erheben, müsste sie nicht eingreifen, zumindest aufmerksam machen, über sich hinausweisen auf jene unerträglichen Zustände, müsste sie nicht die aufrüttelnde Aktion anstelle der Verehrung des Schönen setzen?“

Mit diesen Worten, oder besser gesagt, mit diesen Fragen, hebt die Rede Konrad Paul Liessmanns zur Eröffnung der Salzburger Festspiele an. Und die Antwort, die er gibt, ist, abgesehen von der Sprach-
gewandtheit und vom genuin philosophischen Interesse, insofern bemerkenswert, als er die Kunst als Gravitationspunkt der Freiheit schlechthin denkt. Dass das künstlerische Werk gelingen kann, setzt ein Leben in Freiheit voraus. So wird die Freiheit aber nicht nur zum Gütekriterium des Gelungenen, sondern auch zur Achillesferse moderner, säkularer Gesellschaften. Ist sie nicht in allerhöchster Gefahr? Nicht nur ob der unfassbaren Gräueltaten verblendeter Religionsfanatiker, der Schwachsinnigkeit politischer Ideologie, der Dummheit wegen, weil wir zwar vernunftbegabt aber nicht vernünftig sind, sondern auch ob unseres wohlständigen Lebensstils? Sind wir nicht Gefangene in einem engen Korsett von Verpflichtungen, deren Urheber wir selbst sind? Und die Künstlerinnen und Künstler? Sind sie frei? Wollen oder müssen sie nicht auch dem Markt genügen, der Galeristin, dem Käufer? Wer vermag es also wirklich in Freiheit zu leben? Wem gelingt sein Werk tatsächlich? Ohne Zweifel: Fragen der Freiheit sind Fragen von existenziellem Rang. Doch dem Philosophen kommen diese Fragen noch zu früh. Es fehlt ihm nämlich der Anfangspunkt des Fragens als Richtschnur aller Antwort, mithin die Frage nach dem Wesen des Gesuchten. Was ist eigentlich gemeint, wenn von Freiheit die Rede ist? Wovon genau reden wir, wenn wir uns auf sie beziehen? Freiheit, so könnte man Liessmanns Ausführungen deuten, ist eine Absage an die Welt. Ein ‘Ich möchte lieber nicht’, um es mit Bartleby zu sagen. Ganz im Sinne der Diktatur der Kunst, wie sie Jonathan Meese fordert: entideologisiert euch, entreligiöisiert euch, entpolitisiert euch, entkommentiert euch. Überwindung von allem überhaupt. Nicht um etwas Neues hinzustellen, sondern um frei zu sein. Und so steht am Anfang der Freiheit das große Nein. Nein danke. Ich möchte lieber nicht.

Autor: Bernd Waß
Bild: Salzburger Festspiele
Diskussionsbeiträge bitte an: b.wass@academia philosophia.com

05.08.2016: Der Philosoph geht auf Reisen

Ich kann nicht behaupten, dass ich gerne verreise. Reisen ist anstrengend und einen Landstrich gesehen zu haben oder nicht, macht keinen relevanten Unterschied. Nichtsdestoweniger wird mir die bevorstehende Italienreise gut tun, wie ich glaube. Ich liebe nämlich den Sommer, warte aber vergebens, denn in Salzburg mag er nicht und nicht einziehen. Im Reisegepäck ein Hut, Zigarren und die schon erwähnte Arbeit über Gottfried Wilhelm Leibniz.

03.08.2016: Stilleben eines Philosophen

Abendlektüre. Eine Abhandlung über Gottfried Wilhelm Leibniz von Hans Poser, gegenwärtig einer der bedeutendsten Leibniz-Forscher. “In vier Jahrzehnten seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit hat sich Hans Poser mit beinahe allen Aspekten des Leibniz’schen Denkens befasst und legt mit diesem Band eine systematisch angeordnete Zusammenführung seiner Überlegungen vor, die um das spannungsvolle Verhältnis von Metaphysik und Wissenschaft und deren Voraussetzungen kreisen.” Erschienen ist dieses Werk im Felix Meiner Verlag. Zum Lesegenuss wird eine Zigarre serviert, und zwar eine Joya de Nicaragua aus der Serie Celebracion.